{"id":216,"date":"2026-06-21T05:18:52","date_gmt":"2026-06-21T05:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/artworkpost.com\/die-nachtwache\/"},"modified":"2026-09-21T10:37:15","modified_gmt":"2026-09-21T10:37:15","slug":"die-nachtwache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artworkpost.com\/de\/die-nachtwache\/","title":{"rendered":"Die Nachtwache von Rembrandt: Gr\u00f6\u00dfe, Beschnitt und die Rekonstruktion von 2021"},"content":{"rendered":"<p class=\"lead\">Die Frage nach der Gr\u00f6\u00dfe der <strong>Nachtwache<\/strong> hat eine \u00fcberraschende Antwort: Das Bild, das heute im Rijksmuseum h\u00e4ngt, ist nicht das Bild, das Rembrandt gemalt hat. 1715 wurde die Leinwand an allen vier Seiten beschnitten, weil sie an ihrem neuen Platz nicht an die Wand passte. Die abgeschnittenen Streifen sind bis heute verschollen.<\/p>\n<h2>Wichtige Fakten<\/h2>\n<ul>\n<li><strong>K\u00fcnstler:<\/strong> <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/artist\/rembrandt\/\">Rembrandt van Rijn<\/a> (1606\u20131669)<\/li>\n<li><strong>Jahr:<\/strong> 1642<\/li>\n<li><strong>Technik:<\/strong> \u00d6l auf Leinwand<\/li>\n<li><strong>Ma\u00dfe heute:<\/strong> rund 363 \u00d7 437 cm (das Rijksmuseum gibt 379,5 \u00d7 453,5 cm an \u2013 die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle und Messweise)<\/li>\n<li><strong>Originalformat:<\/strong> deutlich gr\u00f6\u00dfer, links allein fehlen etwa 60 cm<\/li>\n<li><strong>Auftraggeber:<\/strong> die Sch\u00fctzenkompanie von Hauptmann Frans Banninck Cocq (Kloveniers)<\/li>\n<li><strong>Figuren:<\/strong> 34, darunter 18 namentlich verzeichnete Sch\u00fctzen<\/li>\n<li><strong>Stilrichtung:<\/strong> <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/movement\/dutch-golden-age\/\">Niederl\u00e4ndisches Goldenes Zeitalter<\/a><\/li>\n<li><strong>Eigent\u00fcmer:<\/strong> Amsterdam Museum (Dauerleihgabe im Rijksmuseum)<\/li>\n<li><strong>Standort:<\/strong> <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/museum\/rijksmuseum-amsterdam\/\">Rijksmuseum, Amsterdam<\/a>, Ehrengalerie<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Der Auftrag: ein Wettstreit an den W\u00e4nden<\/h2>\n<p>Um die Nachtwache zu verstehen, muss man wissen, wof\u00fcr sie gemalt wurde. Ende der 1630er-Jahre errichtete Amsterdam einen pr\u00e4chtigen Neubau f\u00fcr die Kloveniers \u2013 die mit Feuerwaffen ausger\u00fcstete B\u00fcrgerwehr der Stadt. F\u00fcr den gro\u00dfen Festsaal, den Groote Zaal, gaben gleich mehrere Sch\u00fctzenkompanien bei den f\u00fchrenden Malern der Stadt Gruppenportr\u00e4ts in Auftrag: neben Rembrandt arbeiteten unter anderem Bartholomeus van der Helst, Govert Flinck und Joachim von Sandrart an der Ausstattung. Es war ein Wettstreit an den W\u00e4nden \u2013 und Rembrandt lieferte das ehrgeizigste Bild von allen.<\/p>\n<p>Manche Forscher vermuten, den Anlass habe der Besuch der franz\u00f6sischen K\u00f6niginmutter Maria de&#8216; Medici in Amsterdam 1638 gegeben, der eine Welle repr\u00e4sentativer Auftr\u00e4ge ausl\u00f6ste. Rembrandts Kompanie stand unter dem Kommando von Hauptmann Frans Banninck Cocq, einem wohlhabenden Amsterdamer Patrizier.<\/p>\n<p>Wie damals \u00fcblich, zahlten die Dargestellten selbst f\u00fcr ihr Portr\u00e4t \u2013 im Schnitt rund 100 Gulden pro Person, gestaffelt nach Prominenz und Platz im Bild. Insgesamt erhielt Rembrandt etwa 1.600 Gulden, eine betr\u00e4chtliche Summe. Achtzehn Namen wurden sp\u00e4ter, wohl um 1715, auf einem gemalten Schild im Hintergrund festgehalten. Der Trommler ganz rechts geh\u00f6rte nicht dazu: Ihn hatte Rembrandt kostenlos hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<h2>Was die Nachtwache revolution\u00e4r macht<\/h2>\n<p>Die anderen Sch\u00fctzenst\u00fccke im Saal folgten einer bew\u00e4hrten Formel: Die Herren sa\u00dfen oder standen ordentlich aufgereiht, gleichm\u00e4\u00dfig beleuchtet, jeder gleich gut sichtbar \u2013 schlie\u00dflich hatte jeder gleich viel bezahlt. Rembrandt sprengte diese Konvention.<\/p>\n<p>Statt einer Reihe von Gesichtern malte er einen Augenblick: Die Kompanie bricht auf, formiert sich, tritt unter einem Torbogen ins Freie. Banninck Cocq gibt gerade den Marschbefehl, F\u00e4hnrich, Trommler und Musketiere geraten in Bewegung, Lanzen ragen in unterschiedlichen Winkeln empor. Aus einem statischen Gruppenbild wurde ein Historienbild \u2013 Theater in \u00d6l, getragen von einem dramatischen Wechsel aus Licht und Schatten. Nichts dergleichen hatte man je in einem Sch\u00fctzenst\u00fcck gesehen. Genau diese K\u00fchnheit macht die Nachtwache bis heute unvergesslich.<\/p>\n<h2>Wie gro\u00df ist Die Nachtwache wirklich?<\/h2>\n<h3>Die Ma\u00dfe heute<\/h3>\n<p>In der Literatur finden sich zwei Zahlenpaare. Verbreitet ist die Angabe 363 \u00d7 437 cm; das Rijksmuseum selbst nennt 379,5 \u00d7 453,5 cm. Der Unterschied kommt daher, welche R\u00e4nder der Leinwand mitgemessen werden. F\u00fcr den praktischen Eindruck ist beides gleichbedeutend: Das Bild ist \u00fcber dreieinhalb Meter hoch und mehr als vier Meter breit. Man steht nicht davor, man steht darin.<\/p>\n<h3>Was 1715 passierte<\/h3>\n<p>Urspr\u00fcnglich hing das Gem\u00e4lde im Groote Zaal der Kloveniersdoelen, dem Versammlungsgeb\u00e4ude der Amsterdamer Sch\u00fctzengilde. 1715 wurde entschieden, es ins Stadthaus am Dam zu bringen \u2013 das heutige K\u00f6nigliche Palais.<\/p>\n<p>Dort war die vorgesehene Wand zu klein. Also schnitt man die Leinwand zurecht. Streifen fielen an allen vier Seiten weg, der mit Abstand gr\u00f6\u00dfte an der linken Seite: etwa 60 Zentimeter. Mit ihm verschwanden zwei M\u00e4nner und ein kleiner Junge aus der Komposition. Die St\u00fccke wurden nie wiedergefunden.<\/p>\n<h3>Was der Schnitt ver\u00e4ndert hat<\/h3>\n<p>Das ist der eigentlich interessante Teil. Durch die Beschneidung r\u00fcckten Hauptmann Frans Banninck Cocq und sein Leutnant Willem van Ruytenburch in die Bildmitte. In Rembrandts Fassung standen sie <em>nicht<\/em> mittig, sondern seitlich versetzt.<\/p>\n<p>Damit war die Komposition urspr\u00fcnglich unruhiger, dynamischer, weniger symmetrisch \u2013 die Gruppe schien tats\u00e4chlich aus dem Bild heraus in Bewegung zu geraten. Der Zuschnitt von 1715 hat aus einem asymmetrischen Aufbruch ein zentriertes Gruppenbild gemacht. Fast jede Reproduktion, die Sie kennen, zeigt die beschnittene Fassung.<\/p>\n<h3>Die Rekonstruktion von 2021<\/h3>\n<p>2019 startete das Rijksmuseum die \u201eOperation Nachtwache&#8220;, ein gro\u00df angelegtes Forschungs- und Restaurierungsprojekt. Ein Teilergebnis war 2021 \u00f6ffentlich zu sehen.<\/p>\n<p>Grundlage war eine kleinere Kopie des Gem\u00e4ldes, die Gerrit Lundens zugeschrieben wird und noch vor der Beschneidung entstand \u2013 im Auftrag von Banninck Cocq selbst. Diese Kopie h\u00e4ngt heute in der National Gallery in London und zeigt die vollst\u00e4ndige Komposition, samt der sp\u00e4ter abgeschnittenen Figuren am linken Rand. Mithilfe von Scannern, R\u00f6ntgenaufnahmen und mehreren hundert Digitalaufnahmen wurde ein neuronales Netz darauf trainiert, Rembrandts Farbigkeit und Pinself\u00fchrung nachzubilden. Die fehlenden Streifen wurden gedruckt und rings um das Original geh\u00e4ngt, ohne es zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal seit \u00fcber 300 Jahren war das Bild in seinem urspr\u00fcnglichen Format zu sehen. Die Panels blieben rund drei Monate h\u00e4ngen; im Original wird der Verlust nicht ersetzt.<\/p>\n<p>Es ist einer von mehreren F\u00e4llen der letzten Jahre, in denen Technik etwas Neues \u00fcber Gem\u00e4lde zutage gef\u00f6rdert hat, die als l\u00e4ngst erforscht galten. <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/neun-dinge-ueber-beruehmte-gemaelde-die-wir-nach-dem-druck-ihres-lehrbuchs-erfahren-haben\/\">Hier sind die \u00fcbrigen<\/a>.<\/p>\n<h2>Der Name stimmt nicht<\/h2>\n<p>Das Bild zeigt keine Nacht. Es zeigt eine Tagesszene.<\/p>\n<p>Der Eindruck von Dunkelheit entstand durch nachgedunkelte Firnisschichten. Erst im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert b\u00fcrgerte sich die Bezeichnung \u201eNachtwache&#8220; ein. Der eigentliche Bildtitel ist deutlich sperriger und beschreibt genau, was zu sehen ist: die Sch\u00fctzenkompanie des Bezirks II unter dem Kommando von Hauptmann Frans Banninck Cocq.<\/p>\n<h2>Worauf man vor dem Bild achten sollte<\/h2>\n<ul>\n<li><strong>Die beiden Hauptfiguren:<\/strong> Banninck Cocq in Schwarz mit roter Sch\u00e4rpe, daneben van Ruytenburch in leuchtendem Gelb. Denken Sie beim Betrachten mit, dass sie eigentlich weiter links stehen m\u00fcssten.<\/li>\n<li><strong>Der Schatten der Hand:<\/strong> Banninck Cocq streckt die linke Hand aus \u2013 ihr Schatten f\u00e4llt exakt auf den gelben Rock des Leutnants. Ein winziges Detail, an dem sich Rembrandts vollkommene Beherrschung des Lichts zeigt.<\/li>\n<li><strong>Das M\u00e4dchen im Mittelgrund:<\/strong> hell beleuchtet, mit einem toten Hahn am G\u00fcrtel und dem Trinkhorn der Gilde. Die Klauen des Hahns \u2013 niederl\u00e4ndisch <em>klauwen<\/em> \u2013 sind ein Wortspiel auf die <em>Kloveniers<\/em>, die B\u00fcchsensch\u00fctzen. Ob die Figur Maskottchen, Allegorie oder beides ist, bleibt ungekl\u00e4rt.<\/li>\n<li><strong>Die drei Handgriffe des Schie\u00dfens:<\/strong> Rembrandt verteilte die Schritte des Musketengebrauchs auf verschiedene Figuren \u2013 Laden, Abfeuern, Wegblasen des Pulvers. Sie folgen genau dem ber\u00fchmten Exerzierhandbuch von Jacob de Gheyn. Hinter dem Hauptmann feuert ein Mann im Helm, w\u00e4hrend ein anderer den Lauf zur Seite lenkt.<\/li>\n<li><strong>Der Hund unten rechts:<\/strong> er bellt gegen den Trommler an. Ein kleines Detail, das der Szene L\u00e4rm gibt.<\/li>\n<li><strong>Der verborgene Blick:<\/strong> Ganz hinten, zwischen den Fahnen, lugt ein Auge unter einer M\u00fctze hervor. Manche halten es f\u00fcr ein verstecktes Selbstportr\u00e4t Rembrandts.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein Detail werden Sie dagegen vergeblich suchen: Urspr\u00fcnglich waberte eine Rauchwolke aus Pulverdampf um Banninck Cocqs Kopf. Sie ist \u00fcber die Jahrhunderte vollst\u00e4ndig verblasst.<\/p>\n<h2>Operation Nachtwache: was die Wissenschaft ans Licht brachte<\/h2>\n<p>Die digitale Rekonstruktion war nur ein Baustein eines weit gr\u00f6\u00dferen Vorhabens. F\u00fcr die \u201eOperation Nachtwache&#8220; wurde das Bild ab 2019 in eine gl\u00e4serne Kammer mitten in der Ehrengalerie gestellt und vor den Augen der Besucher Zentimeter f\u00fcr Zentimeter untersucht \u2013 das umfangreichste Forschungsprojekt, das je einem einzelnen Gem\u00e4lde gewidmet wurde.<\/p>\n<p>Die Zahlen sind schwindelerregend: 2022 ver\u00f6ffentlichte das Museum die detaillierteste Aufnahme, die je von einem Kunstwerk gemacht wurde \u2013 ein Bild aus 717 Gigapixeln mit einer Aufl\u00f6sung von f\u00fcnf Tausendstelmillimetern. Man kann so weit hineinzoomen, dass einzelne Pigmentk\u00f6rner sichtbar werden. Dutzende Scans mit R\u00f6ntgenfluoreszenz, R\u00f6ntgenbeugung und Spektralkameras kartierten jede chemische Schicht.<\/p>\n<p>Die Befunde haben das Bild, das man von der Nachtwache hatte, ver\u00e4ndert:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Eine verborgene Vorzeichnung:<\/strong> Unter der Malschicht kam eine grobe Skizze zum Vorschein. Rembrandt legte die Komposition also in schnellen Strichen an, bevor er zu malen begann.<\/li>\n<li><strong>Wegretuschierte Federn:<\/strong> Eine Figur im Hintergrund trug urspr\u00fcnglich einen gefiederten Helm. Rembrandt malte die Federn sp\u00e4ter wieder weg \u2013 ein direkter Blick in seinen Entscheidungsprozess.<\/li>\n<li><strong>Gift f\u00fcr den Glanz:<\/strong> F\u00fcr den goldenen Schimmer auf van Ruytenburchs Rock verwendete Rembrandt arsenhaltige Pigmente (Pararealgar) \u2013 Farbstoffe, die man sonst f\u00fcr Fr\u00fcchte in Stillleben nutzte. In einem Portr\u00e4t war das eine echte Neuerung.<\/li>\n<li><strong>Was verloren ging:<\/strong> Das einst leuchtende \u201eSmalt&#8220;-Blau ist verblasst, ein Hund hat sich verf\u00e4rbt, das Gesicht eines Sch\u00fctzen ist von Zersetzung \u00fcberzogen \u2013 und die erw\u00e4hnte Rauchwolke hat sich ganz aufgel\u00f6st.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Der Mythos von der zerst\u00f6rten Karriere<\/h2>\n<p>\u00dcber kaum ein Gem\u00e4lde kursieren so viele Legenden wie \u00fcber die Nachtwache. Die hartn\u00e4ckigste: Das Bild habe Rembrandts Laufbahn ruiniert, weil die zahlenden Sch\u00fctzen emp\u00f6rt gewesen seien, halb im Schatten oder von anderen verdeckt zu erscheinen.<\/p>\n<p>Das ist eine sch\u00f6ne Geschichte \u2013 und historisch nicht haltbar. Sie entstand gro\u00dfenteils erst im 19. Jahrhundert. Tats\u00e4chlich wurde das Bild schon zu Rembrandts Zeit bewundert; sein Sch\u00fcler Samuel van Hoogstraten lobte sp\u00e4ter, es stelle alle anderen Sch\u00fctzenst\u00fccke im Saal in den Schatten. Rembrandt erhielt auch danach bedeutende Auftr\u00e4ge. Seine sp\u00e4teren finanziellen N\u00f6te \u2013 1656 musste er Insolvenz anmelden \u2013 hatten andere Ursachen: ein aufwendiger Lebensstil, eine riesige Kunstsammlung und ein sich wandelnder Kunstmarkt. Mit der Nachtwache hatten sie nichts zu tun.<\/p>\n<h2>Was das Bild \u00fcberstanden hat<\/h2>\n<p>Neben der Beschneidung von 1715 hat die Nachtwache einiges hinter sich. 1911 stach ein Mann mit einem Messer darauf ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von der Leinwand gerollt und in Sicherheit gebracht \u2013 zun\u00e4chst in den Mergelh\u00f6hlen des Sint-Pietersberg bei Maastricht, sp\u00e4ter in einem eigens gebauten Bunker. 1975 zerschnitt ein Besucher sie mit einem Brotmesser in mehreren langen Schnitten. 1990 verspr\u00fchte ein Angreifer S\u00e4ure, die dank sofortigen Eingreifens nur die Firnisschicht erreichte.<\/p>\n<p>Restauriert wurde jedes Mal. Die Spuren der Schnitte von 1975 sind bei genauem Hinsehen unter bestimmten Lichtverh\u00e4ltnissen noch erkennbar.<\/p>\n<h2>Besuch im Rijksmuseum<\/h2>\n<p>Die Nachtwache h\u00e4ngt am Ende der Ehrengalerie, in einer eigens f\u00fcr sie konzipierten Achse. Der Raum ist so angelegt, dass man das Bild schon von weitem sieht und sich ihm \u00fcber die gesamte Galerie n\u00e4hert \u2013 ein Effekt, den man mitnehmen sollte, statt direkt davorzutreten. Streng genommen geh\u00f6rt das Werk gar nicht dem Rijksmuseum, sondern der Stadt Amsterdam; es ist eine Dauerleihgabe des Amsterdam Museum.<\/p>\n<p>Praktisch: Tickets online buchen, fr\u00fch kommen (\u00d6ffnung um 9 Uhr), und einplanen, dass vor dem Bild fast immer Menschen stehen. In derselben Galerie h\u00e4ngt Vermeers <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/das-milchmaedchen\/\"><em>Milchm\u00e4dchen<\/em><\/a>. Das Rijksmuseum liegt am Museumplein; Van-Gogh-Museum und Stedelijk sind fu\u00dfl\u00e4ufig. Wer mehr \u00fcber Rembrandts Arbeitsweise erfahren will, findet im Rembrandthuis in der Jodenbreestraat seine rekonstruierte Werkstatt.<\/p>\n<h2>Und in Deutschland?<\/h2>\n<p>Die Nachtwache ist ein durch und durch niederl\u00e4ndisches Bild \u2013 und doch hat kaum eine Nation Rembrandt so leidenschaftlich f\u00fcr sich beansprucht wie Deutschland.<\/p>\n<p>1890 erschien anonym \u201evon einem Deutschen&#8220; ein schmales Buch mit dem Titel \u201eRembrandt als Erzieher&#8220;. Der Autor, der Kunsthistoriker Julius Langbehn, machte den Holl\u00e4nder Rembrandt zum Inbegriff des \u201eniederdeutschen&#8220; Genies und zum geistigen Erzieher einer erhofften nationalen Wiedergeburt durch die Kunst. Das Werk war eine kulturpessimistische Abrechnung mit der Moderne \u2013 und ein Sensationserfolg, der in k\u00fcrzester Zeit rund 40 Auflagen erlebte. Sp\u00e4ter nahm es zunehmend v\u00f6lkische und antisemitische Z\u00fcge an und wurde von der nationalistischen Rechten vereinnahmt. Dass ausgerechnet ein Niederl\u00e4nder zum \u201edeutschesten&#8220; aller K\u00fcnstler erkl\u00e4rt wurde, geh\u00f6rt zu den bemerkenswerten Ironien der Kunstgeschichte.<\/p>\n<p>Zugleich stellte Deutschland die f\u00fchrende Rembrandt-Forschung: Wilhelm von Bode, der Baumeister der Berliner Gem\u00e4ldegalerie, galt um 1900 als der bedeutendste Rembrandt-Kenner \u00fcberhaupt. Wie br\u00fcchig solche Gewissheiten sind, zeigt ein ber\u00fchmter Fall aus eben dieser Sammlung: \u201eDer Mann mit dem Goldhelm&#8220;, jahrzehntelang als Rembrandts Meisterwerk gefeiert, wurde in den 1980er-Jahren vom Rembrandt Research Project als Werk eines Sch\u00fclers eingestuft. Genau wie die digitale Rekonstruktion der Nachtwache erinnert das daran, dass selbst scheinbar gesicherte Zuschreibungen jederzeit neu verhandelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer Rembrandt in Deutschland im Original erleben m\u00f6chte, ist bestens versorgt: Die Gem\u00e4ldegalerie in Berlin besitzt eine der reichsten Rembrandt-Sammlungen der Welt, die Kasseler Gem\u00e4ldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmsh\u00f6he zeigt herausragende Werke aus f\u00fcrstlichem Besitz, und auch die Dresdner Gem\u00e4ldegalerie Alte Meister beherbergt bedeutende Rembrandts.<\/p>\n<h2>Eine Randbemerkung<\/h2>\n<p>1642, im selben Jahr, in dem Rembrandt dieses Bild vollendete, starb seine Frau Saskia. Es ist verlockend, beides zu verkn\u00fcpfen, und viele Texte tun das auch.<\/p>\n<p>Belegen l\u00e4sst es sich nicht. Der Auftrag lief seit Jahren, die Komposition war lange vorher festgelegt. Was sich dagegen sagen l\u00e4sst: Rembrandt lieferte hier das ehrgeizigste Sch\u00fctzenbild, das je gemalt wurde, und er tat es in einem Jahr, in dem sein Privatleben zusammenbrach. Die beiden Tatsachen stehen nebeneinander. Eine Verbindung dazwischen zu behaupten, w\u00e4re erfunden.<\/p>\n<p class=\"image-attribution\" style=\"font-size:0.85em;color:#666;\"><em>Bild: Die Nachtwache \u2013 Rembrandt (1642). Lizenz: Public Domain. Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:The_Night_Watch_-_HD.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikimedia Commons<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage nach der Gr\u00f6\u00dfe der Nachtwache hat eine \u00fcberraschende Antwort: Das Bild, das heute im Rijksmuseum h\u00e4ngt, ist nicht das Bild, das Rembrandt gemalt hat. 1715 wurde die Leinwand an allen vier Seiten beschnitten, weil sie an ihrem neuen Platz nicht an die Wand passte. Die abgeschnittenen Streifen sind bis heute verschollen. 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