{"id":2737,"date":"2026-08-26T11:41:02","date_gmt":"2026-08-26T11:41:02","guid":{"rendered":"https:\/\/artworkpost.com\/?p=2737"},"modified":"2026-10-07T17:58:54","modified_gmt":"2026-10-07T17:58:54","slug":"was-kunst-mit-dem-gehirn-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artworkpost.com\/de\/was-kunst-mit-dem-gehirn-macht\/","title":{"rendered":"Was Kunst mit dem Gehirn macht: Was die Forschung wirklich zeigt"},"content":{"rendered":"<p>In den S\u00e4len des Metropolitan Museum of Art in New York beobachteten zwei Forscher Museumsbesucher mit der Stoppuhr. Sie ma\u00dfen, wie lange 150 Menschen vor sechs Meisterwerken stehen blieben. Die Zahl, die sie 2001 ver\u00f6ffentlichten, beunruhigt Museumsleute bis heute: Im Median verbrachte ein Besucher <strong>17 Sekunden<\/strong> vor einem Gem\u00e4lde. Der Durchschnitt lag bei 27,2 Sekunden, nach oben gezogen von einigen wenigen, die lange schauten; der h\u00e4ufigste Wert betrug gerade einmal zehn Sekunden. Der l\u00e4ngste Halt dauerte drei Minuten und 48 Sekunden. So lange stand ein einzelner Mensch vor Rembrandts <em>Aristoteles mit der B\u00fcste des Homer<\/em>.<\/p>\n<p>Jeffrey und Lisa Smith stellten ihre Studie unter das Paradox, das sich daraus ergibt. Menschen beschreiben Gem\u00e4lde als lebensver\u00e4ndernd. Sie weinen vor ihnen. Sie erinnern sich jahrzehntelang an sie. Wie kann uns etwas so tief bewegen, das wir nur so kurz angesehen haben?<\/p>\n<p>Die Frage erwies sich als gute Frage. Sie zwang zu einer anderen: Was tut das Gehirn eigentlich in diesen siebzehn Sekunden? In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Neurowissenschaftler Menschen in Scanner gelegt, um es herauszufinden. Die Ergebnisse sind interessanter \u2013 und deutlich unordentlicher \u2013, als die Schlagzeilen vermuten lassen.<\/p>\n<h2>Sch\u00f6nheit hat eine Adresse \u2013 und sie ist kleiner, als man denkt<\/h2>\n<p>Der meistzitierte Befund des Fachgebiets stammt aus dem Labor von Semir Zeki am University College London. F\u00fcr eine Studie von 2011 gewannen Zeki und Tomohiro Ishizu 21 Freiwillige mit bewusst gemischtem Hintergrund: Westeurop\u00e4er, Japaner, Chinesen, Inder und Amerikaner. Jede Person bewertete 60 Gem\u00e4lde und 60 Musikst\u00fccke als sch\u00f6n, h\u00e4sslich oder keins von beidem. Anschlie\u00dfend legten die Forscher sie in einen fMRT-Scanner und zeigten ihnen dasselbe Material noch einmal.<\/p>\n<p>Eine Region folgte den Bewertungen \u00fcber beide Sinne hinweg: der mediale orbitofrontale Kortex. Dieses Gewebe hinter den Augen reagiert auch auf Essen, Geld und andere Belohnungen. Sch\u00f6ne Musik und sch\u00f6ne Bilder erzeugten Aktivit\u00e4t am selben Ort. Hideaki Kawabata und Zeki hatten Sch\u00f6nheit in der Malerei bereits 2004 mit dieser Region in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p>Zwei Details der Studie von 2011 werden viel seltener zitiert, als sie es verdienen. Erstens verhielt sich H\u00e4sslichkeit nicht wie das Spiegelbild der Sch\u00f6nheit. Sie aktivierte stattdessen die Amygdala und den somatomotorischen Kortex. Das Gehirn scheint \u201eDas st\u00f6\u00dft mich ab&#8220; auf einem anderen Weg zu bewerten als \u201eDas zieht mich an&#8220;. Zweitens, und das ist am aufschlussreichsten: Werke, die den Teilnehmern schlicht gleichg\u00fcltig waren, l\u00f6sten fast gar nichts aus. Gleichg\u00fcltigkeit ist neurologisch betrachtet keine schwache Form der Wertsch\u00e4tzung. Sie ist eher eine Abwesenheit.<\/p>\n<h2>Der Befund, der alles verkompliziert<\/h2>\n<p>An dieser Stelle muss eine ehrliche Darstellung langsamer werden.<\/p>\n<p>2020 erschien in der Fachzeitschrift <em>Cognitive, Affective, &amp; Behavioral Neuroscience<\/em> eine Metaanalyse, die die bildgebenden Studien zur visuellen Sch\u00f6nheit zusammenf\u00fchrte. Sie suchte nach Regionen, die in den einzelnen Studien verl\u00e4sslich auftauchten. Sch\u00f6ne Gesichter hinterlie\u00dfen eine stabile Signatur: den ventromedialen pr\u00e4frontalen Kortex und das ventrale Striatum. Sch\u00f6ne <em>Kunstwerke<\/em> dagegen erzeugten kein einziges stabiles Aktivierungsmuster \u2013 nicht einmal, als die Autoren ihre Kriterien lockerten. Die beiden Arten visueller Sch\u00f6nheit hatten keine gemeinsame Grundlage.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass Zeki sich geirrt hat. Es hei\u00dft, dass der Effekt es nicht \u00fcbersteht, \u00fcber Dutzende Labore gemittelt zu werden. Diese Labore verwendeten unterschiedliche Bilder, unterschiedliche Anweisungen und unterschiedliche Versuchspersonen. Schon das ist aufschlussreich. Reaktionen auf Kunst k\u00f6nnten weit individueller sein als Reaktionen auf Gesichter \u2013 und Menschen einfach zu mitteln, k\u00f6nnte der falsche analytische Schritt sein.<\/p>\n<p>Genau dieser Hinweis erwies sich als die fruchtbarste Idee des ganzen Fachgebiets.<\/p>\n<h2>Warum dasselbe Bild nicht alle bewegt<\/h2>\n<p>2012 f\u00fchrten Edward Vessel, Gabrielle Starr und Nava Rubin an der New York University eine Studie durch, die individuelle Unterschiede ernst nahm, statt sie als Rauschen abzutun. Die Teilnehmer bewerteten Kunstwerke im Scanner auf einer Vier-Punkte-Skala. In den visuellen Arealen stieg die Aktivit\u00e4t gleichm\u00e4\u00dfig mit den Bewertungen \u2013 genau wie erwartet. Eine Drei erzeugte mehr als eine Zwei, eine Zwei mehr als eine Eins.<\/p>\n<p>Eine Gruppe von Regionen verhielt sich jedoch v\u00f6llig anders. Sie unterschied kaum zwischen Einsen, Zweien und Dreien. Bei den Vieren aber \u2013 den Werken, die eine Person wirklich bewegten \u2013 sprang sie steil an. Keine Rampe, sondern eine Stufe. Diese Regionen geh\u00f6ren zum sogenannten Default-Mode-Netzwerk, dem Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns. Es ist an nach innen gerichtetem Denken, an autobiografischen Erinnerungen und am Erleben des eigenen Selbst beteiligt.<\/p>\n<p>Das war \u00fcberraschend, denn dieses Netzwerk f\u00e4hrt normalerweise herunter, wenn wir uns konzentriert auf etwas au\u00dferhalb von uns richten. Ein Bild intensiv zu betrachten, sollte es d\u00e4mpfen. Bei den bewegendsten Werken schaltete es sich stattdessen ein \u2013 w\u00e4hrend der Blick fest auf etwas ganz \u00c4u\u00dferem ruhte. Amy Belfi, Vessel und Kollegen verfeinerten dieses Bild 2019: Bei bewegenden Bildern scheint sich das Netzwerk an das Kunstwerk selbst zu koppeln. Bei Werken, die nicht gefallen, arbeitet es unabh\u00e4ngig davon.<\/p>\n<p>Den Forschern fiel au\u00dferdem auf, wie wenig sich die Teilnehmer dar\u00fcber einig waren, welche Werke eine Vier verdienten. Ein Meisterwerk, das alle gleicherma\u00dfen bewegte, gab es nicht.<\/p>\n<p>Nimmt man beide Befunde zusammen, ergibt sich etwas, \u00fcber das es sich nachzudenken lohnt. Ein Kunstwerk wird in einem bestimmten Moment m\u00e4chtig: wenn das Gehirn aufh\u00f6rt, es als \u00e4u\u00dferes Objekt zu behandeln, und beginnt, die Mechanismen zu nutzen, die es sonst f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber sich selbst reserviert. Deshalb f\u00fchlt sich die Erfahrung pers\u00f6nlich an und nicht distanziert. Und deshalb kann Ihnen niemand einreden, ein Bild zu lieben, das Sie kaltl\u00e4sst.<\/p>\n<h3>Maler haben das zuerst herausgefunden<\/h3>\n<p>Manche K\u00fcnstler sind auf demselben Weg zu dieser Einsicht gelangt \u2013 empirisch, Jahrhunderte bevor irgendjemand sie messen konnte. Vel\u00e1zquez baute <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/las-meninas\/\">Las Meninas<\/a> um den Standort des Betrachters im Raum herum. Caspar David Friedrich wandte die Figur im <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/der-wanderer-ueber-dem-nebelmeer\/\">Wanderer \u00fcber dem Nebelmeer<\/a> von uns ab \u2013 das einzige Gesicht, das die Szene anbietet, ist unser eigenes. Beide Bilder leisten durch ihre Komposition, was der Scanner gemessen hat: Sie machen den Betrachter zum Teil des Bildgegenstands.<\/p>\n<h2>H\u00e4lt das an?<\/h2>\n<p>Scanner-Studien erfassen Minuten. Die folgenreichere Frage ist, ob ein Leben lang Kunst anzuschauen etwas ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Daisy Fancourt und Andrew Steptoe ver\u00f6ffentlichten 2019 im <em>BMJ<\/em> einen gro\u00df angelegten Versuch, diese Frage zu beantworten. Sie begleiteten 6.710 Erwachsene ab 50 Jahren aus der English Longitudinal Study of Ageing, beginnend 2004\/05, und verfolgten die Todesf\u00e4lle \u00fcber vierzehn Jahre. Wer ein- bis zweimal im Jahr Museen, Galerien, Ausstellungen, Theater, Konzerte oder die Oper besuchte, hatte im Beobachtungszeitraum ein um 14 Prozent geringeres Sterberisiko als jemand, der nie hinging. Bei denen, die alle paar Monate oder h\u00e4ufiger gingen, lag das Risiko um 31 Prozent niedriger.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang blieb bestehen, nachdem Verm\u00f6gen, Bildung, Vorerkrankungen, Mobilit\u00e4t, Rauchen, Alkohol, Depression und soziale Kontakte herausgerechnet worden waren. Er verschwand nicht, als die naheliegenden Erkl\u00e4rungen kontrolliert wurden.<\/p>\n<p>Es bleibt dennoch eine Beobachtungsstudie, und die Autoren sagen das unmissverst\u00e4ndlich: Urs\u00e4chlichkeit l\u00e4sst sich daraus nicht ableiten. Museumsbesuche k\u00f6nnten ein Marker f\u00fcr etwas sein, das nicht gemessen wurde. Nehmen Sie das Ergebnis als starken Zusammenhang und offene Frage \u2013 nicht als Rezept.<\/p>\n<p>Das Regionalb\u00fcro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) f\u00fcr Europa sichtete im selben Jahr die breitere Studienlage. Die \u00dcbersicht von Fancourt und Saoirse Finn umfasste mehr als 900 Publikationen, darunter \u00fcber 200 \u00dcbersichtsarbeiten, die sich ihrerseits auf mehr als 3.000 Studien st\u00fctzen. Sie geh\u00f6rt zu den umfassendsten Bestandsaufnahmen zu Kunst und Gesundheit. Ihr Fazit ist weder abwinkend noch euphorisch: Die K\u00fcnste k\u00f6nnen \u00fcber die ganze Lebensspanne hinweg eine echte Rolle bei der Vorbeugung und Bew\u00e4ltigung von Krankheiten spielen.<\/p>\n<h2>Was die Forschung nicht zeigt<\/h2>\n<p>Dieses Feld zieht mehr selbstbewusste Behauptungen an, als seine Belege tragen. Vier davon verdienen eine Korrektur.<\/p>\n<h3>Mozart macht nicht kl\u00fcger<\/h3>\n<p>Die Studie von 1993, auf die diese Idee zur\u00fcckgeht, fand bei Studierenden eine kurze Verbesserung bei einer Aufgabe zum r\u00e4umlichen Denken. Babys spielten keine Rolle, und Intelligenz wurde nicht gemessen. 2010 werteten Jakob Pietschnig, Martin Voracek und Anton Formann von der Universit\u00e4t Wien rund 40 Studien mit mehr als 3.000 Teilnehmern aus. F\u00fcr einen spezifischen Mozart-Effekt fanden sie keine Belege; der kleine Effekt, der sich zeigte, trat auch bei anderer anregender Musik auf. Eine Metaanalyse von Oberleiter und Pietschnig aus dem Jahr 2023 pr\u00fcfte die Behauptung, die Sonate KV 448 helfe bei Epilepsie \u2013 und fand auch daf\u00fcr keine belastbare Grundlage. Die Ursachen benannten die Autoren deutlich: Studien mit zu geringer Aussagekraft, unzug\u00e4ngliche Rohdaten und die Wiederholung einer Behauptung, die nach Autorit\u00e4t klingt.<\/p>\n<h3>Es gibt keine k\u00fcnstlerische rechte Gehirnh\u00e4lfte<\/h3>\n<p>Die eine Hirnh\u00e4lfte soll f\u00fcr Kreativit\u00e4t zust\u00e4ndig sein, die andere f\u00fcr Logik. Diese Vorstellung \u00fcberlebt in popul\u00e4ren Texten und nirgendwo sonst. Alle hier beschriebenen bildgebenden Studien fanden verteilte Aktivit\u00e4t in beiden Hemisph\u00e4ren.<\/p>\n<h3>Spiegelneuronen sind eine Hypothese, keine Erkl\u00e4rung<\/h3>\n<p>2007 ver\u00f6ffentlichten der Kunsthistoriker David Freedberg und der Neurowissenschaftler Vittorio Gallese in <em>Trends in Cognitive Sciences<\/em> einen Vorschlag: Ein Teil unserer Reaktion auf Kunst beruhe auf verk\u00f6rperter Simulation. Eine dargestellte Geste \u2013 oder sogar die Spur eines Pinselstrichs \u2013 aktiviere die eigenen motorischen Systeme des Betrachters. Das ist eine ernsthafte und produktive Idee. Seit ihrer Ver\u00f6ffentlichung wird sie aber auch bestritten, mit dem Argument, Simulation k\u00f6nne das Erkl\u00e4rungsgewicht nicht tragen, das man ihr aufl\u00e4dt. Wer Ihnen erz\u00e4hlt, Spiegelneuronen erkl\u00e4rten, warum Kunst uns bewegt, \u00fcberspringt das eigentliche Argument.<\/p>\n<h3>Michelangelo hat wohl kein Gehirn in der Sixtinischen Kapelle versteckt<\/h3>\n<p>In der <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/die-erschaffung-adams\/\">Erschaffung Adams<\/a> soll der rote Mantel, der Gott umgibt, die Umrisse eines menschlichen Gehirns nachzeichnen. Diese Behauptung wird seit Jahrzehnten wiederholt. Die \u00c4hnlichkeit ist tats\u00e4chlich verbl\u00fcffend, und das Argument ist legitim. Aber es handelt sich um eine Deutung aus dem Jahr 1990, nicht um eine belegte Absicht, und keine zeitgen\u00f6ssische Quelle st\u00fctzt sie. Wissenswert, vergn\u00fcglich \u2013 aber nicht als Tatsache zu verkaufen. Weitere Beispiele daf\u00fcr, wie sich vermeintlich gesichertes Wissen \u00fcber ber\u00fchmte Gem\u00e4lde ver\u00e4ndert hat, finden Sie in unserem Beitrag <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/neun-dinge-ueber-beruehmte-gemaelde-die-wir-nach-dem-druck-ihres-lehrbuchs-erfahren-haben\/\">Neun Dinge \u00fcber ber\u00fchmte Gem\u00e4lde, die wir nach dem Druck Ihres Lehrbuchs erfahren haben<\/a>.<\/p>\n<h2>Zur\u00fcck zu den siebzehn Sekunden<\/h2>\n<p>Rund f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter wiederholten die Smiths ihre Studie am Art Institute of Chicago \u2013 mit einer gr\u00f6\u00dferen Stichprobe und Werken aus mehr Epochen und Gattungen. Die Ergebnisse waren verbl\u00fcffend \u00e4hnlich: im Durchschnitt 28,63 Sekunden, im Median 21 Sekunden, am h\u00e4ufigsten wieder zehn Sekunden. Die Zeit, die Menschen vor Kunst verbringen, hatte sich kaum ver\u00e4ndert. Ver\u00e4ndert hatte sich, wie sie diese Zeit nutzen: Vor fast jedem Werk wurden nun Fotos gemacht.<\/p>\n<p>Alter und Geschlecht spielten in keiner der beiden Studien eine Rolle. Einen kleinen Unterschied machte die Begleitung: Wer in Gruppen von drei oder mehr Personen kam, schaute etwas l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Was die Stoppuhr-Studien \u00fcbersehen hatten, fand schlie\u00dflich der Psychologe Claus-Christian Carbon von der Universit\u00e4t Bamberg. 2015 beobachtete er 225 Besucher einer Gerhard-Richter-Ausstellung in N\u00fcrnberg. Sie schauten im Durchschnitt 32,9 Sekunden auf ein Bild, im Median 25,4 Sekunden \u2013 und auch hier blieben Menschen in Gruppen l\u00e4nger. Vor allem aber kehrte mehr als die H\u00e4lfte der Besucher sp\u00e4ter noch einmal zu einem Bild <em>zur\u00fcck<\/em> \u2013 besonders jene, die ihm beim ersten Mal wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Diese R\u00fcckkehrzeit hatte bis dahin niemand gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Das Paradox hat also eine Aufl\u00f6sung \u2013 nur nicht die schmeichelhafte von den verborgenen Tiefen der Sofortwahrnehmung. Siebzehn Sekunden bekommt ein Bild, das uns nicht bewegt. Die Werke, die das Default-Mode-Netzwerk erreichen, sucht man wieder auf, man spricht \u00fcber sie, man erinnert sich an sie. Und das sind f\u00fcr jeden Menschen andere Werke. Deshalb fand die Metaanalyse f\u00fcr die Sch\u00f6nheit in der Kunst keine gemeinsame Adresse.<\/p>\n<p>Die praktische Konsequenz ist fast schon peinlich einfach: Wenn Sie mehr aus einem Museumsbesuch mitnehmen m\u00f6chten, schauen Sie sich weniger an, gehen Sie nicht allein \u2013 und kehren Sie zu dem Bild zur\u00fcck, das Sie nicht losl\u00e4sst. Nach zwei Jahrzehnten Scanner-Forschung empfiehlt die Neurowissenschaft der Kunstbetrachtung vor allem eines: langsamer werden.<\/p>\n<h2>Und in Deutschland?<\/h2>\n<p>Zwei der Studien, um die es in diesem Beitrag geht, f\u00fchren direkt nach Deutschland.<\/p>\n<p><strong>N\u00fcrnberg und Bamberg.<\/strong> Die Beobachtung, dass Menschen zu Bildern zur\u00fcckkehren, stammt nicht aus New York oder Chicago, sondern aus Franken. Claus-Christian Carbon, Psychologe an der Universit\u00e4t Bamberg, beobachtete im Januar und Februar 2015 die Besucher der Ausstellung \u201eDetail&#8220; im Neuen Museum N\u00fcrnberg, dem Staatlichen Museum f\u00fcr Kunst und Design. Gezeigt wurden 28 Gem\u00e4lde von Gerhard Richter aus der Sammlung B\u00f6ckmann, alle in einem einzigen gro\u00dfen Saal. Gerade weil die Ausstellung so \u00fcberschaubar war, lie\u00df sich verfolgen, wer zu welchem Bild zur\u00fcckkehrte \u2013 etwas, das in den riesigen Sammlungen der Met nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Frankfurt am Main.<\/strong> Edward Vessel, Mitautor der New Yorker Studie zum Default-Mode-Netzwerk, setzte seine Forschung sp\u00e4ter als Senior Research Scientist am Max-Planck-Institut f\u00fcr empirische \u00c4sthetik in Frankfurt fort. Das Institut wurde 2013 gegr\u00fcndet und geh\u00f6rt zur Max-Planck-Gesellschaft; es erforscht, warum uns Kunst, Musik, Literatur oder Landschaften ber\u00fchren. 2019 sprach Vessel dort in der Reihe \u201eThe Brain on Screen&#8220;, die das Institut gemeinsam mit dem DFF \u2013 Deutsches Filminstitut &amp; Filmmuseum veranstaltete, dar\u00fcber, wie das Default-Mode-Netzwerk auch bei bewegten Bildern auf \u00e4sthetisches Bewegtsein reagiert.<\/p>\n<p><strong>Wien.<\/strong> Und die Metaanalyse, die den \u201eMozart-Effekt&#8220; entzauberte, entstand an der Universit\u00e4t Wien \u2013 im deutschsprachigen Raum also, nur eine Grenze weiter.<\/p>\n<p>Wer die Empfehlung der Forschung selbst ausprobieren m\u00f6chte, findet daf\u00fcr in Deutschland gute Orte. In der Hamburger Kunsthalle h\u00e4ngt Caspar David Friedrichs <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/der-wanderer-ueber-dem-nebelmeer\/\">Wanderer \u00fcber dem Nebelmeer<\/a> \u2013 ein Bild, das, wie oben beschrieben, den Betrachter gewisserma\u00dfen selbst in die Szene stellt. Nehmen Sie sich dort nicht siebzehn Sekunden, sondern ein paar Minuten, kommen Sie mit jemandem, und gehen Sie am Ende des Besuchs noch einmal zu ihm zur\u00fcck. Genau das ist es, was die Studien empfehlen.<\/p>\n<h2>Werke, die mehr als siebzehn Sekunden verdienen<\/h2>\n<p>Wenn die Forschung etwas Brauchbares sagt, dann dies: Die Werke, die Sie erreichen, sind die, zu denen Sie zur\u00fcckkehren. Hier sind sechs aus unserem Archiv, die einen zweiten Blick lohnen \u2013 jeweils mit einem Grund.<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/die-sternennacht\/\">Die Sternennacht<\/a> \u2013 fast jeder erkennt sie. Gerade deshalb ist sie ein guter Test daf\u00fcr, ob Wiedererkennen und Bewegtsein dasselbe sind. Sie sind es nicht.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/der-kuss\/\">Der Kuss<\/a> \u2013 Klimts Gold ver\u00e4ndert sich mit dem Blickwinkel und dem Licht. Eine Reproduktion kann die Wirkung, um die das Bild gebaut ist, kaum vermitteln.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/mona-lisa\/\">Mona Lisa<\/a> \u2013 das meistfotografierte und am wenigsten wirklich betrachtete Gem\u00e4lde der Welt. Nichts zeigt besser, was eine Menschenmenge mit unserer Aufmerksamkeit macht.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/regen-dampf-und-geschwindigkeit-die-great-western-railway\/\">Regen, Dampf und Geschwindigkeit<\/a> \u2013 Turner malte Bewegung zu einer Zeit, als kaum jemand je hohe Geschwindigkeit erlebt hatte. Das eigentliche Thema ist die Wahrnehmung selbst.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/das-abendmahl\/\">Das Abendmahl<\/a> \u2013 schon kurz nach seiner Vollendung begann es zu verfallen. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Was genau reisen Menschen eigentlich an, um es zu sehen? Warum es von vielen ber\u00fchmten Werken mehr als eine Fassung gibt, lesen Sie in <a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/welche-fassung-sehen-sie-beruehmte-kunstwerke-die-es-mehrfach-gibt\/\">Welche Fassung sehen Sie?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/artworkpost.com\/de\/der-schrei\/\">Der Schrei<\/a> \u2013 Munch malte eine Empfindung, keine Szene. Auf seiner Lithografie, die 1895 in Berlin entstand, steht auf Deutsch: \u201eIch f\u00fchlte das gro\u00dfe Geschrei durch die Natur.&#8220; Die Figur schreit nicht. Sie h\u00f6rt einen Schrei.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den S\u00e4len des Metropolitan Museum of Art in New York beobachteten zwei Forscher Museumsbesucher mit der Stoppuhr. Sie ma\u00dfen, wie lange 150 Menschen vor sechs Meisterwerken stehen blieben. Die Zahl, die sie 2001 ver\u00f6ffentlichten, beunruhigt Museumsleute bis heute: Im Median verbrachte ein Besucher 17 Sekunden vor einem Gem\u00e4lde. 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