Die Berufung des Heiligen Matthäus
Ein Lichtstrahl verändert alles: Als Die Berufung des Heiligen Matthäus im Jahr 1600 zum ersten Mal in der Contarelli-Kapelle enthüllt wurde, sollen die Römer sprachlos gewesen sein – nicht wegen frommer Andacht, sondern wegen blankem Schock. Caravaggio hatte Heilige in schmutzige Stiefel gesteckt und Gott in eine Taverne gebracht.
Wichtige Fakten
- Künstler: Caravaggio (Michelangelo Merisi da Caravaggio)
- Jahr: 1599–1600
- Technik: Öl auf Leinwand
- Maße: 322 × 340 cm
- Stilrichtung: Barock
- Aktueller Standort: San Luigi dei Francesi, Rom
Was macht dieses Werk unvergesslich?
Die Berufung des Heiligen Matthäus ist kein Altarbild im traditionellen Sinne. Es ist ein Moment des Innehaltens, eingefangen wie ein Schnappschuss. Caravaggio zeigt keine Engel, keine Wolken, keine göttliche Kulisse. Stattdessen: eine dunkle Stube, fünf Männer an einem Tisch, Geld auf dem Holz – und ein einziger Lichtstrahl.
Genau darin liegt das Revolutionäre. Der Betrachter fragt sich unwillkürlich: Welcher dieser Männer ist Matthäus? Die Figur, die auf sich selbst zeigt, wirkt ungläubig, fast trotzig. Wirklich ich? Dieser Moment der Verwirrung ist zutiefst menschlich. Und genau deshalb trifft das Gemälde noch heute ins Mark.
Historischer Kontext
Um 1600 erlebte Rom einen enormen Umbruch. Die Gegenreformation war in vollem Gange. Die Kirche wollte die Menschen zurückgewinnen – durch Emotionen, durch Nahbarkeit, durch Kunst, die berührt. Caravaggio lieferte genau das, allerdings auf eine Weise, die viele zunächst skandalös fanden.
Bis dahin malte man Heilige mit idealisiertem Körper und würdevoller Haltung. Caravaggio brach diese Konvention radikal. Er holte seine Modelle von der Straße, zeigte schmutzige Fingernägel und zerrissene Kleider. Das war provokativ – und gleichzeitig genau das, was die Kirche brauchte, um neue Gläubige anzusprechen.
Der Auftraggeber, Kardinal Francesco Maria Del Monte, erkannte Caravaggios Talent früh. Die Contarelli-Kapelle in San Luigi dei Francesi war sein erster großer öffentlicher Auftrag. Mit Die Berufung des Heiligen Matthäus gelang dem Künstler der endgültige Durchbruch.
Symbolik und worauf man achten sollte
Stellen Sie sich vor, Sie stehen direkt vor dem Gemälde. Schauen Sie zuerst auf das Licht. Es fällt von rechts oben ein, schräg und scharf – fast wie ein Scheinwerfer. Dieses Licht folgt dem ausgestreckten Arm Christi und trifft Matthäus mitten ins Gesicht. Das ist kein Zufall, das ist Theologie in Pinselstrichen.
Beachten Sie außerdem: Christus selbst ist kaum zu erkennen. Er steht am rechten Bildrand, fast verborgen hinter Petrus. Seine Geste erinnert frappierend an Michelangelos Adam aus der Sixtinischen Kapelle – eine bewusste Hommage Caravaggios an seinen großen Namensvetter.
Die Männer am Tisch hingegen reagieren sehr unterschiedlich. Die Jungen beugen sich neugierig vor. Die Älteren schauen kaum auf. Matthäus zeigt auf sich selbst, als wolle er sagen: „Ich doch nicht.“ Dieses Zögern macht ihn menschlich – und das Bild zeitlos.
Achten Sie zudem auf die Kleidung: zeitgenössische Mode des frühen 17. Jahrhunderts, keine antiken Gewänder. Caravaggio siedelt das biblische Ereignis bewusst in seiner eigenen Gegenwart an. Das war damals ebenso verblüffend wie mutig.
Über Caravaggio
Michelangelo Merisi da Caravaggio wurde 1571 in Mailand geboren und starb 1610 unter ungeklärten Umständen, nur 38 Jahre alt. Sein Leben war so dramatisch wie seine Bilder: Er tötete einen Mann bei einem Streit, floh aus Rom, irrte durch Neapel, Malta und Sizilien. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schuf er Werke von atemberaubender Kraft.
Seine Technik des Chiaroscuro, also der extremen Hell-Dunkel-Malerei, revolutionierte die europäische Kunst. Caravaggio arbeitete direkt auf der Leinwand, ohne aufwendige Vorzeichnungen. Er war impulsiv, geniell und gefährlich. Und er veränderte die Malerei für immer.
Vermächtnis und Einfluss
Die Berufung des Heiligen Matthäus löste eine Bewegung aus, die man heute als Caravaggismus bezeichnet. Maler aus ganz Europa – darunter Artemisia Gentileschi, Gerrit van Honthorst und José de Ribera – übernahmen seinen dramatischen Lichteinsatz und seine realistische Figurensprache.
Auch Rembrandt van Rijn, obwohl er wahrscheinlich nie nach Rom reiste, zeigt in seinen Werken deutliche Spuren von Caravaggios Einfluss. Darüber hinaus inspirierte das Gemälde Filmregisseure, Fotografen und zeitgenössische Künstler bis heute. Martin Scorsese nannte Caravaggio einmal als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen.
Kurz gesagt: Ohne Die Berufung des Heiligen Matthäus sähe die westliche Kunstgeschichte fundamental anders aus.
Wo ist das Werk heute zu sehen?
Das Gemälde hängt noch immer an seinem ursprünglichen Bestimmungsort: in der Contarelli-Kapelle der Kirche San Luigi dei Francesi in Rom, unweit des Pantheons und der Piazza Navona. Der Eintritt in die Kirche ist kostenlos.
Ein praktischer Tipp: Bringen Sie Münzen mit. Die Beleuchtung der Kapelle funktioniert über Münzautomaten – ohne Licht bleibt das Gemälde im Dunkeln. Besuchen Sie die Kirche möglichst früh morgens oder unter der Woche, um Gedränge zu vermeiden.
In unmittelbarer Nähe befindet sich auch die Kirche Sant’Agostino mit Caravaggios „Madonna di Loreto“ sowie die Kirche Santa Maria del Popolo mit zwei weiteren Caravaggio-Werken. Rom ist für Caravaggio-Liebhaber eine einzige große Schatzkammer.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist auf Die Berufung des Heiligen Matthäus dargestellt?
Dargestellt sind Jesus Christus, der Apostel Petrus und vier weitere Männer an einem Tisch, darunter Matthäus, den Jesus als Steuereintreiber zur Nachfolge beruft. Welche Figur genau Matthäus ist, bleibt bewusst mehrdeutig.
Warum ist das Gemälde so bedeutend?
Die Berufung des Heiligen Matthäus gilt als Meilenstein der Kunstgeschichte, weil Caravaggio hier erstmals konsequent Licht als dramatisches und theologisches Mittel einsetzte und heilige Figuren radikal realistisch darstellte.
Wo befindet sich das Gemälde heute?
Das Werk befindet sich noch immer an seinem Originalstandort, der Contarelli-Kapelle in der Kirche San Luigi dei Francesi in Rom. Es ist kostenlos zugänglich.
Welche anderen Caravaggio-Werke sind in derselben Kirche zu sehen?
In der Contarelli-Kapelle hängen insgesamt drei Gemälde Caravaggios: neben Die Berufung des Heiligen Matthäus auch „Das Martyrium des Heiligen Matthäus“ und „Die Inspiration des Heiligen Matthäus“ von 1602.
Was bedeutet der ausgestreckte Arm Christi auf dem Gemälde?
Die Geste erinnert an Michelangelos Erschaffung Adams. Sie symbolisiert die göttliche Berufung – ein einfacher Fingerzeig, der ein Leben vollständig verändert. Caravaggio nutzte diese Bildsprache bewusst als Zitat und Bedeutungsträger.
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Bild: The Calling of Saint Matthew – Caravaggio (1600). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
