The Second of May 1808 by Francisco Goya, 1814

Der zweite Mai 1808 – Goya: Mamelucken & Aufstand

Für die aufständischen Madrider war es fast eine neue Reconquista: Die Reiter, die sie am 2. Mai 1808 niedermetzelten, waren Mamelucken – muslimische Kavalleristen aus Ägypten in napoleonischen Diensten. Dass ausgerechnet „Mauren“ wieder durch die Straßen Madrids ritten, weckte uralte Bilder. Goya hielt dieses Chaos jedoch erst 1814 fest, sechs Jahre später – und schuf mit Der zweite Mai 1808 den Auftakt zu einem der wuchtigsten Bilderpaare der Kunstgeschichte.

Wichtige Fakten

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Der zweite Mai 1808 ist kein Heldengemälde im klassischen Sinne. Goya verherrlicht hier niemanden. Stattdessen zeigt er das rohe Chaos eines Aufstands: Menschen und Pferde in einem einzigen brodelnden Knäuel aus Panik, Wut und Verzweiflung.

Was das Bild so unwiderstehlich macht, ist seine radikale Ehrlichkeit. Es kennt kein klares Zentrum, keinen einzelnen Helden, keine geordnete Schlachtformation – nur ein wirbelndes Gedränge, in das der Blick unweigerlich hineingezogen wird. Genau darin liegt seine Modernität: Goya malt nicht die Idee einer Schlacht, sondern ihr blindes, körperliches Getümmel.

Vor allem aber ist das Gemälde bewusst als erster Teil eines Paares konzipiert. Zusammen mit seinem Gegenstück Der dritte Mai 1808 bildet es ein zweiteiliges Denkmal für den spanischen Widerstand: hier der wilde Aufstand am Tag, dort die kalte Vergeltung in der Nacht.

Historischer Kontext

1808 hatte Napoleon Spanien besetzt und seinen Bruder Joseph auf den Thron gesetzt. Am 2. Mai kam es in Madrid zum spontanen Volksaufstand: Als französische Truppen die letzten Mitglieder der spanischen Königsfamilie aus der Stadt bringen wollten, griff die Menge zu den Waffen. Napoleons Kommandeur Murat schickte seine Elitekavallerie – darunter die berüchtigten Mamelucken, muslimische Reiter aus Ägypten, die Napoleon von seinem Ägyptenfeldzug mitgebracht hatte.

Genau darin liegt ein historisch aufgeladenes Detail: Für viele Madrider glich der Anblick orientalischer Reiter, die durch ihre Straßen preschten, einer Wiederkehr der „Mauren“ – ein Echo der jahrhundertelangen Reconquista. Der Kampf wurde dadurch emotional zu weit mehr als einem Aufstand gegen eine Besatzungsmacht.

Die Niederschlagung war brutal und mündete direkt in die Erschießungen des folgenden Tages. Der 2. Mai gilt bis heute als Funke des Spanischen Unabhängigkeitskriegs (Peninsularkrieg), der bis 1814 ganz Spanien erfasste. Ob Goya die Kämpfe selbst mit ansah, ist nicht gesichert; sicher ist, dass er das Werk erst 1814 malte – und zwar auf eigene Initiative: Im Februar 1814 bat er die spanische Regentschaft um die Erlaubnis und die Mittel, „die denkwürdigsten Taten unseres Aufstands gegen den Tyrannen Europas“ festzuhalten.

Symbolik und worauf man achten sollte

Wenn Sie vor dem Original im Prado stehen, richten Sie den Blick zuerst auf die Bildmitte: ein erbitterter Nahkampf zwischen Madrider Bürgern und Mamelucken auf aufbäumenden Pferden. Kein Akteur wirkt heldenhaft – alle wirken verzweifelt. Im Zentrum stößt ein Aufständischer einem Reiter den Dolch in den Leib, während ein anderer Mameluck bereits kopfüber vom Pferd stürzt.

Achten Sie auf die Farbpalette: erdige Braun- und Ockertöne, durchbrochen nur vom Rot des Bluts und der Gewänder. Das gibt der Szene eine fast dokumentarische Schwere. Es gibt kein strahlendes Licht, das Gut und Böse trennt – Goya verweigert jede moralische Vereinfachung.

Interessant ist die Komposition: Sie hat kein eindeutiges Zentrum und keinen einzelnen Helden. Körper – menschliche wie tierische – wirbeln in alle Richtungen; diese bewusste Unordnung erzeugt beim Betrachter ein Gefühl von Kontrollverlust. Die diagonale Wucht der stürzenden Pferde zieht das Auge quer durch das ganze Bild.

Bemerkenswert ist auch der Ort: Der Kampf spielt an der Calle de Alcalá nahe der Puerta del Sol – ein realer, jedem Madrider vertrauter Platz. Goya verankert das Blutbad absichtlich in der Wirklichkeit, nicht in einer mythischen Traumwelt.

Über Francisco Goya

Francisco José de Goya y Lucientes wurde 1746 in Fuendetodos in Aragonien geboren. Er arbeitete sich aus bescheidenen Verhältnissen zum Hofmaler der spanischen Könige empor – doch er war weit mehr als ein höfischer Porträtist.

Eine schwere Krankheit raubte ihm um 1792/93 das Gehör. Danach verdüsterte sich sein Werk radikal. Er begann, die dunklen Seiten der menschlichen Natur zu erforschen – in den Radierserien „Los Caprichos“ und „Los Desastres de la Guerra“ sowie in den verstörenden Schwarzen Gemälden.

Goya starb 1828 im Exil in Bordeaux. Er gilt heute als Brücke zwischen der Tradition der Alten Meister und der modernen Kunst; Manet, Picasso und viele andere beriefen sich direkt auf sein Erbe.

Und in Deutschland?

Der Aufstand, den Goya zeigt, richtete sich gegen Napoleon – und genau dieser Kampf verbindet das Bild eng mit der deutschen Geschichte. Nur wenige Jahre nach dem 2. Mai erhoben sich auch die deutschen Länder gegen die französische Vorherrschaft: In den „Befreiungskriegen“ von 1813, mit der Völkerschlacht bei Leipzig, kämpfte man gegen denselben Kaiser. Der spanische Volksaufstand – und die Guerilla, die daraus erwuchs – galt in ganz Europa, auch in der deutschen Romantik, als leuchtendes Vorbild des Widerstands gegen die Fremdherrschaft.

Noch tiefer wirkt Goya in der deutschen Antikriegskunst nach. Seine schonungslose Darstellung von Gewalt wurde zum Vorbild für die großen Ankläger des 20. Jahrhunderts: Otto Dix schuf 1924 seinen Radierzyklus „Der Krieg“ ausdrücklich in der Tradition von Goyas „Desastres de la Guerra“, und auch bei Käthe Kollwitz und George Grosz klingt Goyas Blick auf das Grauen nach.

Das Bilderpaar selbst verlässt den Prado nicht. Doch wer Goya in Deutschland im Original sehen möchte, wird fündig: Die Alte Pinakothek in München, die Gemäldegalerie in Berlin und die Hamburger Kunsthalle besitzen bedeutende Werke des Spaniers.

Vermächtnis und Einfluss

Der zweite Mai 1808 hat die Kriegsmalerei für immer verändert. Vor Goya dominierte das glorifizierende Schlachtenbild; nach Goya war diese Naivität nicht mehr möglich.

Édouard Manet studierte Goyas Werke genau, bevor er ab 1867 seine „Erschießung Kaiser Maximilians“ schuf – ein direktes Echo auf Goyas Bildsprache. Pablo Picasso wiederum hatte Goyas unnachgiebigen Blick auf die Gewalt im Kopf, als er 1937 „Guernica“ malte. Bis heute prägt das Bilderpaar, wie der Westen kollektive Gewalt darstellt.

Bewegt ist auch die Geschichte der Leinwand selbst. Nach der Fertigstellung ließ König Ferdinand VII., ein Verächter alles Revolutionären, die beiden Mai-Bilder faktisch verschwinden; sie blieben jahrzehntelang kaum beachtet. Und 1936, im Spanischen Bürgerkrieg, wurden sie – wie die anderen Hauptwerke des Prado – aus dem bombardierten Madrid evakuiert und über Valencia und Barcelona bis nach Genf gebracht, wo sie im Gebäude des Völkerbunds Schutz fanden. Erst 1939 kehrten sie nach Madrid zurück.

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Das Gemälde hängt dauerhaft im Museo del Prado in Madrid – im selben Saal wie sein Gegenstück Der dritte Mai 1808, sodass man beide Werke direkt nebeneinander erleben kann: den wilden Aufstand am Tag und die kalte Vergeltung in der Nacht.

Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich gelegentlich – prüfen Sie sie vorab auf der Website des Prado; in den letzten Öffnungsstunden ist der Eintritt in der Regel frei, dann aber sehr voll. Am ruhigsten ist es an einem Werktagvormittag; Tickets reserviert man am besten vorab online.

In der Nähe hängen außerdem Goyas monumentale „Schwarze Gemälde“ sowie bedeutende Werke von Velázquez und El Greco. Nur wenige Gehminuten entfernt zeigt das Museo Reina Sofía Picassos „Guernica“ – Goyas modernen Nachfahren in der Geschichte des Antikriegsbildes.

Häufig gestellte Fragen

Was stellt Der zweite Mai 1808 genau dar?

Den Volksaufstand der Madrider gegen die napoleonische Kavallerie – darunter die Mamelucken, muslimische Reiter aus Ägypten – am 2. Mai 1808 an der Calle de Alcalá nahe der Puerta del Sol. Es ist der Auftakt zum Spanischen Unabhängigkeitskrieg.

Wer sind die Reiter, gegen die gekämpft wird?

Es sind Mamelucken, muslimische Elitekavalleristen aus Ägypten in napoleonischen Diensten. Für viele Madrider erinnerte ihr Anblick an die „Mauren“ der Reconquista, was den Kampf zusätzlich emotional auflud.

Warum malte Goya das Bild erst 1814?

Erst nach dem Abzug der Franzosen war das Thema darstellbar. Goya ergriff selbst die Initiative und bat im Februar 1814 die spanische Regentschaft um Erlaubnis und Mittel, den Aufstand im Bild festzuhalten.

Welcher Zusammenhang besteht zu „Der dritte Mai 1808″?

Beide Gemälde entstanden gleichzeitig als bewusstes Paar. Der zweite Mai zeigt den Aufstand am Tag, Der dritte Mai die anschließenden Erschließungen in der Nacht. Sie hängen im Prado nebeneinander.

Wie groß ist das Originalgemälde?

Das Werk misst etwa 266 × 345 Zentimeter – ein großformatiges Historiengemälde, das den Betrachter förmlich ins Getümmel hineinzieht.

Hat Sie Der zweite Mai 1808 so fasziniert wie uns? Dann entdecken Sie auf dieser Seite weitere Meisterwerke der Romantik – von Goya bis zu seinen Zeitgenossen und Nachfolgern. Es lohnt sich!

Bild: Der zweite Mai 1808 (Der Angriff der Mamelucken) – Francisco Goya (1814). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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