The Third of May 1808 by Francisco Goya, 1814

Die Erschießung der Aufständischen – Goya: Bedeutung & Antikriegsbild

Das einflussreichste Antikriegsbild der Geschichte wurde nach seiner Vollendung jahrzehntelang weggesperrt: Der zurückgekehrte König Ferdinand VII. hatte kein Interesse daran, einen Volksaufstand zu feiern. So blieb Der dritte Mai 1808 fast unbekannt – bis ihn Édouard Manet um 1867 wiederentdeckte und für die moderne Kunst reklamierte. Goya schuf das Werk 1814, sechs Jahre nach der Erschießung, die es zeigt – und nannte es nie eine Schlachtszene.

Wichtige Fakten

  • Künstler: Francisco Goya
  • Jahr: 1814
  • Technik: Öl auf Leinwand
  • Maße: 268 × 347 cm
  • Gegenstück: „Der zweite Mai 1808″ (Der Angriff der Mamelucken)
  • Stilrichtung: Romantik (Wegbereiter der Moderne)
  • Aktueller Standort: Prado, Madrid

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Der dritte Mai 1808 bricht mit allem, was die Kunst bis dahin kannte. Kein strahlender Held, kein glorreicher Sieg – stattdessen ein namenloser Mann im weißen Hemd, der in die Läufe der Gewehre starrt. Goya verweigert dem Betrachter jede tröstliche Distanz.

Was das Werk so unwiderstehlich macht, ist seine radikale Ehrlichkeit. Deshalb wirkt es über zweihundert Jahre später noch so unmittelbar: keine Ideologie, keine Fahnen, kein Ruhm – nur Angst, Tod und die brutale Mechanik der Macht. Der Kunsthistoriker Kenneth Clark nannte es „das erste große Bild, das in jeder Hinsicht revolutionär genannt werden kann – in Stil, Thema und Absicht“.

Außerdem kehrt Goya die Bildregeln um: Die Henker bleiben gesichtslos, das Opfer im Zentrum leuchtet. Genau diese Umkehrung macht Der dritte Mai 1808 bis heute so wirkmächtig – er gilt als eines der ersten Bilder der Moderne.

Historischer Kontext

1808 zog Napoleon in Spanien ein und setzte seinen Bruder Joseph auf den Thron. Am 2. Mai erhoben sich die Madrider gegen die französische Besatzung. Die Vergeltung folgte in der Nacht und am Morgen des 3. Mai: Zusammengetriebene Zivilisten und mutmaßliche Aufständische wurden an mehreren Orten am Stadtrand, unter anderem am Hügel Príncipe Pío, in Gruppen erschossen. Die Zahl der Opfer ist bis heute umstritten – die Schätzungen reichen von 44 (französische Angabe) bis zu mehreren Hundert.

Ob Goya die Erschießungen selbst mit ansah, ist entgegen einer beliebten Legende nicht gesichert. Sicher ist: Er malte das Werk erst 1814, kurz nach der Rückkehr König Ferdinands VII. Und der Auftrag kam nicht einfach „von oben“ – Goya selbst ergriff die Initiative. Am 24. Februar 1814 bat er die spanische Regentschaft schriftlich um die Erlaubnis, „die denkwürdigsten und heldenhaftesten Taten unseres Aufstands gegen den Tyrannen Europas mit dem Pinsel zu verewigen“.

Damals herrschte in der Kunst der Klassizismus, der Helden und edle Gesten verherrlichte. Goya ging den entgegengesetzten Weg und schuf ein Bild, das nicht verherrlicht, sondern anklagt. Ferdinand VII. jedoch, ein Verächter alles Revolutionären, ließ das Werk nach der Fertigstellung faktisch verschwinden. Jahrzehntelang blieb es kaum beachtet – seinen Weltruhm erlangte es erst nach Goyas Tod.

Symbolik und worauf man achten sollte

Stellen Sie sich direkt vor das Gemälde und schauen Sie zuerst auf das Licht. Eine große, würfelförmige Laterne auf dem Boden wirft einen grellen Kegel auf die Todgeweihten – die einzige Lichtquelle im Bild; alles andere versinkt im Dunkel. (Die kantige Form der Laterne wurde später sogar als früher Vorbote des Kubismus gedeutet.)

Schauen Sie dann auf den Mann im weißen Hemd. Seine Arme sind weit ausgebreitet – unweigerlich erinnert die Haltung an eine Kreuzigung. An seiner rechten Handfläche ist eine dunkle Wunde zu erkennen, ein Stigma. Goya verwandelt einen unbekannten Madrider Arbeiter so in ein universelles Sinnbild des unschuldigen Opfers, das sich für sein Volk opfert.

Beachten Sie die Soldaten rechts: einheitlich, gesichtslos, fast maschinell – identische Tschakos, identisch geneigte Gewehrläufe. Es spielt keine Rolle, wer wen erschießt; es ist reine, mechanische Gewalt. Auf der linken Seite dagegen zeigt Goya die ganze Bandbreite menschlicher Reaktionen: Entsetzen, Resignation, Gebet, Trotz. So entsteht ein starkes „Wir gegen Sie“.

Die Palette ist bewusst düster – Braun, Schwarz, Grau. Umso stärker stechen das strahlende Weiß des Hemdes, das Gelb der Hose und der Laterne sowie das Blut am Boden hervor. Farbe ist bei Goya ein emotionales Werkzeug.

Über Francisco Goya

Francisco José de Goya y Lucientes wurde 1746 in Fuendetodos in Aragonien geboren. Er stieg zum gefeierten Hofmaler der spanischen Krone auf und schuf zunächst heitere Kartons für Wandteppiche. Doch eine schwere Krankheit um 1792/93 raubte ihm das Gehör und veränderte seine Kunst grundlegend.

Von da an wurde Goya dunkler, kritischer, kompromissloser. Er schuf die Radierungen der „Caprichos“, die schonungslose Kriegsserie „Desastres de la Guerra“, später die verstörenden Schwarzen Gemälde wie „Saturn verschlingt seinen Sohn“ – und, als Anklage in Öl, Der dritte Mai 1808. Goya starb 1828 im Exil in Bordeaux, als freier Geist, der seiner Zeit weit voraus war.

Und in Deutschland?

Goyas Bild zeigt den Widerstand gegen Napoleon – und genau dieses Thema verbindet es eng mit der deutschen Geschichte. Wenige Jahre nach dem Madrider Aufstand erhoben sich auch die deutschen Länder gegen die französische Vorherrschaft: In den „Befreiungskriegen“ von 1813 (mit der Völkerschlacht bei Leipzig) kämpfte man gegen denselben Napoleon, dessen Truppen Goya am Príncipe Pío erschießen lässt. Der spanische Volksaufstand galt in ganz Europa – auch im deutschen Nationalismus der Romantik – als Vorbild des Widerstands. Goyas Werk ist somit das Bild einer Erfahrung, die Deutsche und Spanier teilten.

Noch tiefer reicht Goyas Einfluss auf die deutsche Antikriegskunst. Kein anderer hat das Grauen des Krieges so schonungslos ins Bild gesetzt – und die deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts wussten das. Otto Dix schuf 1924 seinen berühmten Radierzyklus „Der Krieg“ ausdrücklich in der Tradition von Goyas „Desastres de la Guerra“; auch bei Käthe Kollwitz und George Grosz wirkt Goyas Anklage nach. Der dritte Mai 1808 steht am Anfang einer Linie, die direkt in die deutsche Kunst der Weltkriege führt.

Das Original verlässt den Prado nicht. Doch wer Goya in Deutschland im Original sehen möchte, wird fündig: Die Alte Pinakothek in München, die Gemäldegalerie in Berlin und die Hamburger Kunsthalle besitzen bedeutende Werke des Spaniers.

Vermächtnis und Einfluss

Der dritte Mai 1808 hat die moderne Kunst nachhaltig geprägt. Édouard Manet übernahm um 1867–1869 fast die identische Erschießungs-Komposition für sein Gemälde „Die Erschießung Kaiser Maximilians“. Pablo Picasso hatte Goya im Kopf, als er 1937 „Guernica“ malte, und griff das Motiv 1951 in „Massaker in Korea“ noch einmal direkt auf. Jede moderne Fotografie eines von einer Besatzungsarmee erschossenen Zivilisten komponiert sich – bewusst oder nicht – gegen die Bildidee dieses Werks.

Bewegt ist auch die Geschichte des Bildes selbst: 1936, im Spanischen Bürgerkrieg, ließ der Prado seine wichtigsten Werke aus dem bombardierten Madrid evakuieren. Der dritte Mai 1808 reiste über Valencia und Barcelona bis nach Genf, wo er im Gebäude des Völkerbunds Schutz fand, und kehrte erst 1939 nach Madrid zurück. Am linken unteren Rand sind noch heute Spuren dieser dramatischen Reise zu sehen.

Heute gilt das Werk weltweit als Prototyp des Antikriegsbildes – ein Bild, das nicht verherrlicht, sondern anklagt, und das damit zum kulturellen Gedächtnis der Menschheit gehört.

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Das Original hängt im Museo del Prado in Madrid – gemeinsam mit seinem Gegenstück „Der zweite Mai 1808″. Beide nebeneinander zu sehen, ist ein eindrucksvolles Erlebnis: Der zweite Mai zeigt den heroischen Kampf am Tag, der dritte die kalte Vergeltung in der Nacht.

Öffnungszeiten und Eintrittspreise ändern sich gelegentlich – prüfen Sie sie vorab auf der Website des Prado; in den letzten Öffnungsstunden ist der Eintritt in der Regel frei, dann aber sehr voll. Reservieren Sie Tickets am besten vorab online. In derselben Museumsgegend hängen weitere Werke Goyas, darunter die „Schwarzen Gemälde“.

Nur wenige Gehminuten entfernt beherbergt das Museo Reina Sofía Picassos „Guernica“ – Goyas moderner Nachfahr in der langen Geschichte des Antikriegsbildes.

Häufig gestellte Fragen

Was zeigt Der dritte Mai 1808 genau?

Die Erschießung spanischer Zivilisten und mutmaßlicher Aufständischer durch napoleonische Soldaten in Madrid am 3. Mai 1808 – einen Tag nach dem Volksaufstand gegen die französische Besatzung. Im Zentrum steht ein namenloser Mann im weißen Hemd mit ausgebreiteten Armen.

Warum malte Goya das Bild erst 1814?

Erst nach dem Abzug der Franzosen und der Rückkehr Ferdinands VII. war das Thema überhaupt darstellbar. Goya ergriff selbst die Initiative: Im Februar 1814 bat er die spanische Regentschaft um die Erlaubnis, den Aufstand im Bild festzuhalten.

Was bedeutet die Wunde an der Hand der Hauptfigur?

Sie spielt bewusst auf die Wundmale (Stigmata) Christi an. Zusammen mit den ausgebreiteten Armen macht Goya das namenlose Opfer zu einem Sinnbild für unschuldiges, universelles Leiden.

Hat das Bild ein Gegenstück?

Ja. Es entstand im selben Auftrag wie „Der zweite Mai 1808″ (Der Angriff der Mamelucken), das den Straßenkampf des Vortags zeigt. Beide hängen im Prado nebeneinander.

Welche Künstler hat Der dritte Mai 1808 beeinflusst?

Vor allem Édouard Manet („Die Erschießung Kaiser Maximilians“) und Pablo Picasso („Guernica“, „Massaker in Korea“). Darüber hinaus prägte es die gesamte moderne Bildsprache des Krieges bis in die Kriegsfotografie.

Goyas Meisterwerk lässt niemanden gleichgültig. Entdecken Sie auf unserer Website weitere Werke der Romantik und Francisco Goyas – es warten noch viele erschütternde Geschichten hinter berühmten Leinwänden.

Bild: Der dritte Mai 1808 – Francisco Goya (1814). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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