Die Nachtwache von Rembrandt: Größe, Beschnitt und die Rekonstruktion von 2021
Die Frage nach der Größe der Nachtwache hat eine überraschende Antwort: Das Bild, das heute im Rijksmuseum hängt, ist nicht das Bild, das Rembrandt gemalt hat. 1715 wurde die Leinwand an allen vier Seiten beschnitten, weil sie an ihrem neuen Platz nicht an die Wand passte. Die abgeschnittenen Streifen sind bis heute verschollen.
Wichtige Fakten
- Künstler: Rembrandt van Rijn (1606–1669)
- Jahr: 1642
- Technik: Öl auf Leinwand
- Maße heute: rund 363 × 437 cm (das Rijksmuseum gibt 379,5 × 453,5 cm an – die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle und Messweise)
- Originalformat: deutlich größer, links allein fehlen etwa 60 cm
- Stilrichtung: Niederländisches Goldenes Zeitalter
- Standort: Rijksmuseum, Amsterdam, Ehrengalerie
Wie groß ist Die Nachtwache wirklich?
Die Maße heute
In der Literatur finden sich zwei Zahlenpaare. Verbreitet ist die Angabe 363 × 437 cm; das Rijksmuseum selbst nennt 379,5 × 453,5 cm. Der Unterschied kommt daher, welche Ränder der Leinwand mitgemessen werden. Für den praktischen Eindruck ist beides gleichbedeutend: Das Bild ist über dreieinhalb Meter hoch und mehr als vier Meter breit. Man steht nicht davor, man steht darin.
Was 1715 passierte
Ursprünglich hing das Gemälde im Groote Zaal der Kloveniersdoelen, dem Versammlungsgebäude der Amsterdamer Schützengilde. 1715 wurde entschieden, es ins Stadthaus am Dam zu bringen – das heutige Königliche Palais.
Dort war die vorgesehene Wand zu klein. Also schnitt man die Leinwand zurecht. Streifen fielen an allen vier Seiten weg, der mit Abstand größte an der linken Seite: etwa 60 Zentimeter. Mit ihm verschwanden zwei Männer und ein kleiner Junge aus der Komposition. Die Stücke wurden nie wiedergefunden.
Was der Schnitt verändert hat
Das ist der eigentlich interessante Teil. Durch die Beschneidung rückten Hauptmann Frans Banninck Cocq und sein Leutnant Willem van Ruytenburch in die Bildmitte. In Rembrandts Fassung standen sie nicht mittig, sondern seitlich versetzt.
Damit war die Komposition ursprünglich unruhiger, dynamischer, weniger symmetrisch – die Gruppe schien tatsächlich aus dem Bild heraus in Bewegung zu geraten. Der Zuschnitt von 1715 hat aus einem asymmetrischen Aufbruch ein zentriertes Gruppenbild gemacht. Fast jede Reproduktion, die Sie kennen, zeigt die beschnittene Fassung.
Die Rekonstruktion von 2021
2019 startete das Rijksmuseum die „Operation Nachtwache“, ein groß angelegtes Forschungs- und Restaurierungsprojekt. Ein Teilergebnis war 2021 öffentlich zu sehen.
Grundlage war eine kleinere Kopie des Gemäldes, die Gerrit Lundens zugeschrieben wird und noch vor der Beschneidung entstand – im Auftrag von Banninck Cocq selbst. Mithilfe von Scannern, Röntgenaufnahmen und mehreren hundert Digitalaufnahmen wurde ein neuronales Netz darauf trainiert, Rembrandts Farbigkeit und Pinselführung nachzubilden. Die fehlenden Streifen wurden gedruckt und rings um das Original gehängt, ohne es zu berühren.
Zum ersten Mal seit über 300 Jahren war das Bild in seinem ursprünglichen Format zu sehen. Die Panels blieben rund drei Monate hängen; im Original wird der Verlust nicht ersetzt.
Es ist einer von mehreren Fällen der letzten Jahre, in denen Technik etwas Neues über Gemälde zutage gefördert hat, die als längst erforscht galten. Hier sind die übrigen.
Der Name stimmt nicht
Das Bild zeigt keine Nacht. Es zeigt eine Tagesszene.
Der Eindruck von Dunkelheit entstand durch nachgedunkelte Firnisschichten. Erst im späten 18. Jahrhundert bürgerte sich die Bezeichnung „Nachtwache“ ein. Der eigentliche Bildtitel ist deutlich sperriger und beschreibt genau, was zu sehen ist: die Schützenkompanie des Bezirks II unter dem Kommando von Hauptmann Frans Banninck Cocq.
Worauf man vor dem Bild achten sollte
- Die beiden Hauptfiguren: Banninck Cocq in Schwarz mit roter Schärpe, daneben van Ruytenburch in leuchtendem Gelb. Denken Sie beim Betrachten mit, dass sie eigentlich weiter links stehen müssten.
- Das Mädchen im Mittelgrund: hell beleuchtet, mit einem toten Hahn am Gürtel. Die Klauen des Hahns waren ein Emblem der Kloveniers, der Büchsenschützen. Ob die Figur ein Maskottchen, eine Allegorie oder beides ist, ist ungeklärt.
- Der Hund unten rechts: er bellt gegen den Trommler an. Ein kleines Detail, das der Szene Lärm gibt.
- Die Lanzen und Musketen: im Hintergrund lädt ein Mann eine Muskete, ein anderer bläst Pulver weg. Rembrandt zeigt die drei Handgriffe des Schießens verteilt auf verschiedene Figuren.
Was das Bild überstanden hat
Neben der Beschneidung von 1715 hat die Nachtwache einiges hinter sich. 1911 stach ein Mann mit einem Messer darauf ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von der Leinwand gerollt und in einem Bunker versteckt. 1975 zerschnitt ein Besucher sie mit einem Brotmesser in mehreren langen Schnitten. 1990 versprühte ein Angreifer Säure, die dank sofortigen Eingreifens nur die Firnisschicht erreichte.
Restauriert wurde jedes Mal. Die Spuren der Schnitte von 1975 sind bei genauem Hinsehen unter bestimmten Lichtverhältnissen noch erkennbar.
Besuch im Rijksmuseum
Die Nachtwache hängt am Ende der Ehrengalerie, in einer eigens für sie konzipierten Achse. Der Raum ist so angelegt, dass man das Bild schon von weitem sieht und sich ihm über die gesamte Galerie nähert – ein Effekt, den man mitnehmen sollte, statt direkt davorzutreten.
Praktisch: Tickets online buchen, früh kommen (Öffnung um 9 Uhr), und einplanen, dass vor dem Bild fast immer Menschen stehen. In derselben Galerie hängt Vermeers Milchmädchen. Das Rijksmuseum liegt am Museumplein; Van-Gogh-Museum und Stedelijk sind fußläufig. Wer mehr über Rembrandts Arbeitsweise erfahren will, findet im Rembrandthuis in der Jodenbreestraat seine rekonstruierte Werkstatt.
Eine Randbemerkung
1642, im selben Jahr, in dem Rembrandt dieses Bild vollendete, starb seine Frau Saskia. Es ist verlockend, beides zu verknüpfen, und viele Texte tun das auch.
Belegen lässt es sich nicht. Der Auftrag lief seit Jahren, die Komposition war lange vorher festgelegt. Was sich dagegen sagen lässt: Rembrandt lieferte hier das ehrgeizigste Schützenbild, das je gemalt wurde, und er tat es in einem Jahr, in dem sein Privatleben zusammenbrach. Die beiden Tatsachen stehen nebeneinander. Eine Verbindung dazwischen zu behaupten, wäre erfunden.
Bild: Die Nachtwache – Rembrandt (1642). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
