Great Sphinx of Giza by Unknown, 2500 BC

Große Sphinx von Gizeh – Geschichte, Nase & Rätsel

Nein, Napoleons Kanonen haben der Sphinx nicht die Nase abgeschossen. Schon Zeichnungen aus dem Jahr 1737 – Jahrzehnte vor Napoleons Ägyptenfeldzug – zeigen sie ohne Nase. Meißelspuren im Gesicht verraten: Jemand hat sie absichtlich abgeschlagen. Die Große Sphinx von Gizeh, vor rund 4.500 Jahren aus dem lebenden Fels gehauen, ist die älteste bekannte monumentale Skulptur Ägyptens – und trägt bis heute mehr Rätsel, als sie preisgibt.

Wichtige Fakten

  • Künstler: unbekannte Bildhauer des Alten Reichs
  • Entstehung: um 2500 v. Chr. (4. Dynastie, wahrscheinlich unter Chephren)
  • Ägyptischer Name: später „Hor-em-achet“ (griech. Harmachis) – „Horus im Horizont“
  • Technik: aus dem Kalkstein-Grundfels herausgehauene Skulptur
  • Maße: ca. 73 m lang, 20 m hoch, 19 m breit
  • Stilrichtung: Antike Kunst (altägyptische Kunst)
  • Aktueller Standort: Giza-Plateau, Gizeh, Ägypten

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Die Große Sphinx von Gizeh ist mehr als ein beeindruckendes Monument – sie ist ein Rätsel aus Stein. Was sie von allen anderen Skulpturen unterscheidet, ist ihre Kühnheit: Die Bildhauer schnitten das Bildnis nicht aus einem Block, den man irgendwo aufstellte. Sie formten die Landschaft selbst um. Der Fels wurde zur Skulptur, die Skulptur zur Landschaft – und das umgebende U-förmige Becken, aus dem sie herausgearbeitet wurde, ist bis heute sichtbar.

Außerdem vereint die Sphinx zwei Welten: das Menschliche und das Tierische, den König und die Kraft des Löwen. Diese Verschmelzung war kein Zufall, sondern ein religiös-politisches Statement von gewaltiger Wucht. Kaum ein anderes Werk der Antike verkündet göttliche Herrschaft so unmittelbar – und so monumental.

Historischer Kontext

Um 2500 v. Chr. erlebte Ägypten den Höhepunkt des Alten Reiches. Auf dem Giza-Plateau errichteten die Pharaonen der 4. Dynastie – Cheops, Chephren und Mykerinos – ihre Pyramiden. Die Große Sphinx entstand wahrscheinlich im Auftrag Pharao Chephrens, da sie unmittelbar an seinem Aufweg und Taltempel liegt und ihr Gesicht seinen überlieferten Statuen ähnelt. Ganz sicher ist das aber nicht: Manche Ägyptologen bringen auch seinen Vater Cheops oder seinen Bruder Djedefre ins Spiel – eine erklärende Inschrift der Erbauer fehlt bis heute.

Kunst war damals kein Selbstzweck, sondern diente dem Kult, der Macht und der Ewigkeit. Deshalb blickt die Sphinx exakt nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen – Symbol für Leben, Wiedergeburt und göttliche Ordnung. Diese Ausrichtung war ein bewusster kosmischer Kommentar, kein Zufall.

Und noch etwas überrascht: Die Sphinx war ursprünglich bemalt. An Gesicht und Kopftuch fanden sich Reste von Rot, Gelb und Blau. Was heute steingrau und verwittert wirkt, leuchtete einst in kräftigen Farben – und die Farbschicht schützte zugleich den weichen Kalkstein.

Die Traumstele und ein rettender Traum

Zwischen den Pranken der Sphinx steht eine Granitstele, die eine der schönsten Geschichten des Alten Ägypten erzählt: die „Traumstele“. Um 1400 v. Chr. – da war die Sphinx schon rund tausend Jahre alt und bis zum Hals im Wüstensand versunken – soll der junge Prinz Thutmosis im Schatten des Kopfes eingeschlafen sein. Im Traum versprach ihm die Sphinx den Thron Ägyptens, wenn er sie vom Sand befreie. Thutmosis ließ sie ausgraben, wurde König (Thutmosis IV.) und stellte die Stele zum Dank auf.

Die Geschichte ist mehr als eine Legende: Sie zeigt, dass die Sphinx schon in der Antike immer wieder vom Wüstensand verschluckt und mühsam wieder freigelegt wurde – ein Ringen, das bis in die moderne Archäologie andauert. Die erste wissenschaftliche Ausgrabung leitete 1817 Giovanni Battista Caviglia, der Brust, Altar und die Reste des zeremoniellen Bartes freilegte.

Symbolik und worauf man achten sollte

Wenn Sie der Sphinx gegenüberstehen, achten Sie zuerst auf den Blick. Die Augen sind weit geöffnet und fixieren den Horizont – nicht Sie, nicht die Pyramiden, sondern die Unendlichkeit. Das erzeugt eine seltsame, fast beunruhigende Distanz.

Dann das Gesicht: Trotz Erosion und Beschädigung – die Nase fehlt, der lange Zeremonialbart ist abgebrochen – strahlt es eine ruhige Würde aus. Der Nemes-Kopfschmuck, das gestreifte Königstuch, und die Reste der Uräus-Schlange an der Stirn verbinden die Figur eindeutig mit königlicher Identität.

Beachten Sie die Proportionen: Der Löwenkörper ist gewaltig, die Pranken weit ausgestreckt, der Kopf im Vergleich fast klein. Das liegt teils an späteren Umarbeitungen und daran, dass Kopf und Körper aus unterschiedlich hartem Gestein bestehen – der härtere Kopf hat der Erosion besser widerstanden als der weichere Körper.

Schauen Sie schließlich auf die Schichtung des Kalksteins an den Flanken. Genau diese weichen und harten Lagen erklären, warum der Körper so viel stärker verwittert ist als der Kopf – und warum die Sphinx im Lauf der Jahrtausende immer wieder restauriert werden musste, zuletzt durch neue Kalksteinblöcke rund um den Sockel.

Wer die Nase wirklich zerstörte

Kaum ein Kunstmythos hält sich so hartnäckig wie der, Napoleons Soldaten hätten der Sphinx 1798 die Nase abgeschossen. Er ist falsch: Der dänische Reisende Frederic Louis Norden zeichnete die Sphinx bereits 1737 ohne Nase – über sechzig Jahre vor Napoleon.

Die Nase wurde nicht durch einen Unfall zerstört, sondern absichtlich abgeschlagen: Meißel- und Keilspuren im Gesicht belegen das. Der bekannteste überlieferte Fall stammt vom arabischen Historiker al-Maqrizi, der berichtet, der Sufi Sa’im al-Dahr habe die Nase 1378 zerstört, weil Bauern der Sphinx Opfergaben darbrachten – für ihn Götzendienst. Ob das exakt so geschah, ist nicht endgültig gesichert; der Ägyptologe Mark Lehner datiert die Beschädigung breiter auf die Zeit zwischen dem 3. und 10. Jahrhundert. Sicher ist nur: mit Napoleon hat es nichts zu tun.

Und in Deutschland?

Man verbindet die Sphinx kaum mit Deutschland – dabei haben deutsche Forscher unser modernes Bild von ihr entscheidend mitgeprägt. Der Preuße Karl Richard Lepsius, der „Vater der deutschen Ägyptologie“, leitete 1842–1845 im Auftrag König Friedrich Wilhelms IV. eine große Expedition nach Ägypten. Sein monumentales Tafelwerk „Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien“ dokumentierte auch Gizeh und wurde zu einem Grundstein der wissenschaftlichen Ägyptologie. Später erforschte der deutsche Ägyptologe Ludwig Borchardt die Chronologie des Alten Reiches, in die auch die Sphinx eingeordnet wird.

Diese Forschung hat ein bleibendes Erbe: Das Ägyptische Museum in Berlin (mit der weltberühmten Büste der Nofretete) und das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim mit seiner herausragenden Sammlung zum Alten Reich gehören zu den bedeutendsten Orten altägyptischer Kunst außerhalb Ägyptens. Die Sphinx selbst verlässt Gizeh natürlich nie – doch wer die Welt verstehen will, aus der sie stammt, wird in deutschen Museen bestens fündig.

Vermächtnis und Einfluss

Die Große Sphinx hat die Bildsprache der Menschheit geprägt. Das Mischwesen aus Mensch und Löwe taucht in der griechischen Mythologie auf, in der römischen Kaiserzeit, in Renaissance und Jugendstil – von den Sphinxen eines Gustave Moreau bis in moderne Filme und Videospiele.

Einen wahren Schub erlebte diese Faszination nach Napoleons Ägyptenfeldzug (1798–1801), dessen begleitende Gelehrte Ägypten wissenschaftlich vermaßen. Es folgte eine europaweite „Ägyptomanie“: Sphinxen zierten plötzlich Möbel, Uhren und Fassaden. Bis heute ist die Sphinx ein Weltsymbol – des Rätsels schlechthin, vom antiken „Rätsel der Sphinx“ bis zur Redewendung vom „sphinxhaften“ Lächeln.

Kein anderes Bildwerk der Antike hat eine so anhaltende, weltweite Resonanz erzeugt – und zugleich so viel Pseudo-Wissenschaft angezogen: Behauptungen, die Sphinx sei durch Regen erodiert und deshalb viele Jahrtausende älter, oder es gebe eine verborgene „Halle der Aufzeichnungen“, werden von der Fachwelt zurückgewiesen. Seismische Messungen fanden zwar kleine Hohlräume nahe den Pranken, aber keine geheime Bibliothek.

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Die Große Sphinx steht noch immer an ihrem Ort auf dem Giza-Plateau, westlich von Kairo am Westufer des Nils, als Teil des UNESCO-Welterbes der Giza-Pyramiden.

Praktische Tipps für den Besuch:

  • Am schönsten ist das Licht früh morgens kurz nach Sonnenaufgang – dann sind auch die Menschenmengen noch klein.
  • Der Eintritt zum Giza-Plateau ist kostenpflichtig; planen Sie mindestens einen halben Tag ein.
  • Besuchen Sie den Taltempel Chephrens direkt neben der Sphinx – aus riesigen Granitblöcken gebaut, gibt er einen Eindruck des ursprünglichen Kultkomplexes.
  • Das neue Grand Egyptian Museum bei Gizeh und das Ägyptische Museum in Kairo zeigen ergänzende Meisterwerke des Alten Reichs, darunter die berühmte Statue Chephrens mit dem Horusfalken.
  • Herbst und Frühling sind am angenehmsten für einen ausgedehnten Besuch.

Häufig gestellte Fragen

Wer hat die Große Sphinx gebaut?

Höchstwahrscheinlich Pharao Chephren (Khafre) um 2500 v. Chr., da die Sphinx zu seinem Pyramidenkomplex gehört und sein Gesicht darstellen dürfte. Eindeutige Beweise fehlen jedoch; auch Cheops und Djedefre werden diskutiert.

Hat Napoleon der Sphinx die Nase abgeschossen?

Nein, das ist ein Mythos. Zeichnungen von 1737 – Jahrzehnte vor Napoleon – zeigen sie bereits ohne Nase. Meißelspuren belegen eine absichtliche Zerstörung; überliefert ist ein Akt des Sufi Sa’im al-Dahr im Jahr 1378.

War die Sphinx früher bemalt?

Ja. An Gesicht und Kopftuch fanden sich Reste von Rot, Gelb und Blau. Ursprünglich war die Sphinx also farbenfroh gefasst – ein Gedanke, der unser Bild von der „steingrauen“ Antike verändert.

Wie alt ist die Sphinx wirklich?

Die gängige Datierung auf etwa 2500 v. Chr. beruht auf archäologischen Belegen. Alternative Theorien (etwa eine Datierung ins Jahr 8000 v. Chr. wegen angeblicher Wassererosion) finden in der Fachwissenschaft keinen Konsens.

Gibt es geheime Kammern unter der Sphinx?

Seismische Messungen haben kleine Hohlräume nahe den Pranken festgestellt, die weiter erforscht werden. Eine sagenhafte „Halle der Aufzeichnungen“ ist dagegen nicht belegt und gilt als Pseudoarchäologie.

Die Große Sphinx von Gizeh ist ein Tor in eine Welt, die wir nur ahnen können. Wenn dieses Monument Sie fasziniert hat, entdecken Sie auf unserer Website weitere außergewöhnliche Werke der antiken Kunst – von ägyptischen Tempelreliefs bis zu griechischen Marmorstatuen.

Bild: Die Große Sphinx von Gizeh mit der Mykerinos-Pyramide. Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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