Parthenon by Ictinus and Callicrates, 447 BC

Parthenon – Architektur, Geheimnisse & Geschichte des Tempels

Stellen Sie sich vor: Ein Tempel, der so präzise gebaut wurde, dass in ihm kaum eine einzige wirklich gerade Linie existiert – und genau das macht den Parthenon zu einem der erstaunlichsten Bauwerke der Menschheitsgeschichte. Säulen, Stufen und Gebälk sind minimal gekrümmt, um optische Täuschungen auszugleichen. Das menschliche Auge soll das Gebäude als vollkommen wahrnehmen – und dieser Trick funktioniert bis heute.

Wichtige Fakten

  • Architekten: Iktinos und Kallikrates; Bauleitung der Skulpturen: Phidias
  • Entstehung: 447–438 v. Chr. (Dekoration bis ca. 432 v. Chr.)
  • Bauherr: Perikles (im Namen Athens)
  • Technik: Architektur – pentelischer Marmor auf Kalksteinfundament
  • Maße: ca. 69,5 m × 30,9 m (Stylobat); 8 × 17 Säulen
  • Stilrichtung: Antike Kunst (dorische Ordnung mit ionischen Elementen)
  • Aktueller Standort: Akropolis, Athen, Griechenland

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Der Parthenon ist weit mehr als ein Tempel. Er ist eine gebaute Philosophie. Die Architekten Iktinos und Kallikrates schufen ein Gebäude, das Perfektion nicht durch starre Geometrie erreicht, sondern durch subtile Abweichung. Genau darin liegt das Paradox seiner Schönheit.

Der Parthenon gilt als Meisterwerk der dorischen Ordnung, verbindet diese aber mutig mit ionischen Elementen – vor allem dem umlaufenden Innenfries, der eigentlich nicht in einen dorischen Tempel gehört. Diese Mischung war für die Zeit außergewöhnlich. Im Inneren stand zudem eine fast zwölf Meter hohe Kultstatue der Göttin Athena aus Gold und Elfenbein, geschaffen von Phidias – ein Monument, das allein schon Besucher aus der ganzen antiken Welt anzog.

Was den Parthenon unvergesslich macht, ist seine Fähigkeit, zugleich politisches Symbol, Heiligtum und Staatsschatzhaus zu sein – und all das mit architektonischer Brillanz zu verbinden. Denn der Bau diente auch als Schatzkammer für die Gelder des Attischen Seebunds.

Historischer Kontext

Der Bau begann 447 v. Chr., einige Jahrzehnte nach dem Ende der Perserkriege, in denen die Perser 480 v. Chr. die alte Akropolis verwüstet hatten. Athen stand auf dem Höhepunkt seiner Macht. Perikles, der führende Staatsmann der Stadt, initiierte ein gigantisches Bauprogramm auf der Akropolis – finanziert nicht zuletzt aus der Kasse des Attischen Seebunds. Der Parthenon sollte die Überlegenheit Athens demonstrieren: politisch, religiös und künstlerisch.

In dieser Zeit erlebte die griechische Kunst ihre klassische Blüte. Unter der Gesamtleitung des Bildhauers Phidias entstanden Skulpturen von unvergleichlicher Qualität. Der ionische Fries zeigt vermutlich die Panathenäen-Prozession – ein Abbild des athenischen Festlebens, so lebendig, als könnte man die Figuren atmen hören.

Doch das Goldene Zeitalter Athens war fragil. Schon 431 v. Chr., nur ein Jahr nach Abschluss der Dekoration, begann der verheerende Peloponnesische Krieg. Der Parthenon entstand also in einem historischen Augenblick, der so nie wiederkehren sollte.

Symbolik und worauf man achten sollte

Wer den Parthenon besucht, sollte zunächst die Säulen genau betrachten. Sie stehen nicht exakt senkrecht, sondern neigen sich leicht nach innen – würde man sie gedanklich verlängern, träfen sie sich erst in über anderthalb Kilometern Höhe. Zudem sind sie in der Mitte minimal verdickt (eine Technik namens Entasis). Ohne diese Korrekturen würden sie optisch dünn und durchgebogen wirken.

Achten Sie außerdem auf den Stylobat, den Stufenunterbau: Er wölbt sich in der Mitte um wenige Zentimeter nach oben. Diese kaum messbare Krümmung verhindert, dass das lange Gebäude wie durchgebogen aussieht. Keine dieser Linien ist Zufall – jede ist berechnete optische Korrektur.

Der umlaufende Fries – heute teilweise im British Museum in London, teilweise im Akropolismuseum in Athen – zeigt Götter, Reiter und Opfertiere. Bemerkenswert: Trotz der großen Höhe, in der er angebracht war, sind die Figuren erstaunlich ausdrucksstark. Die Bildhauer wussten, dass das Licht von unten auf sie fallen und jede Form dramatisch hervorheben würde.

Und das Wichtigste: Das reine, blendende Weiß, das wir heute mit dem Parthenon verbinden, ist ein romantischer Irrtum. Der Tempel war einst in kräftigen Farben gefasst – Rot, Blau, Gold –, seine Skulpturen leuchtend bemalt. Erst Verwitterung und die klassizistische Vorliebe fürs „edle Weiß“ schufen das Bild, das wir heute kennen.

Über Iktinos und Kallikrates

Iktinos und Kallikrates waren die beiden Hauptarchitekten des Parthenon. Über ihr Leben wissen wir wenig – doch ihre Werke sprechen umso lauter. Iktinos gilt als der visionärere der beiden; ihm wird auch der Apollon-Tempel im arkadischen Bassae zugeschrieben, der ebenfalls zum UNESCO-Welterbe gehört.

Kallikrates war vor allem als ausführender Baumeister bekannt und arbeitete unter anderem am kleinen Tempel der Athena Nike auf der Akropolis. Zusammen bildeten die beiden ein Team, das handwerkliche Präzision mit ästhetischem Wagemut vereinte.

Über beiden stand jedoch Phidias, der berühmteste Bildhauer seiner Zeit. Er verantwortete das gesamte Skulpturenprogramm und schuf die Athena Parthenos. So entstand ein einzigartiges Zusammenspiel von Architektur und Skulptur – ein Gesamtkunstwerk der Antike.

Von der Kirche zur Ruine: 2.000 Jahre Wandel

Der wohl größte Irrtum über den Parthenon ist, er sei ein antiker Trümmerhaufen. Tatsächlich stand er über 2.000 Jahre lang weitgehend intakt. Die kolossale Athena-Statue verschwand zwar in der Spätantike (vermutlich nach Konstantinopel verbracht und dort verloren), doch das Gebäude selbst überdauerte – als Bau, der immer wieder umgenutzt wurde: erst als griechisch-orthodoxe Marienkirche, dann als katholische Kathedrale und schließlich, unter osmanischer Herrschaft, als Moschee.

Das Ende kam durch den Krieg. Am 26. September 1687 belagerten venezianische Truppen unter Francesco Morosini die von den Osmanen gehaltene Akropolis. Die Osmanen hatten ausgerechnet den Parthenon als Pulvermagazin genutzt. Eine venezianische Granate schlug ein – die Explosion sprengte das Innere, riss die Mitte aller vier Wände heraus und zerstörte zahlreiche Säulen und Skulpturen. Seither ist der Parthenon eine Ruine. Ein Glücksfall für die Forschung: 1674, dreizehn Jahre vor der Katastrophe, hatte der Zeichner Jacques Carrey den Skulpturenschmuck dokumentiert – seine Blätter sind bis heute unsere wichtigste Quelle für das Verlorene.

Vermächtnis und Einfluss

Der Einfluss des Parthenon auf die westliche Architektur ist kaum zu überschätzen. Vom Klassizismus bis ins 20. Jahrhundert orientierten sich Architekten weltweit an seinem Vorbild – vom Brandenburger Tor in Berlin über zahllose Parlaments- und Gerichtsgebäude bis zur maßstabsgetreuen Parthenon-Nachbildung in Nashville, USA.

Darüber hinaus steht der Parthenon heute als Symbol für Demokratie und westliche Zivilisation. Seit Jahrzehnten fordert Griechenland die Rückgabe der „Elgin Marbles“ – jener rund die Hälfte der erhaltenen Parthenon-Skulpturen, die Lord Elgin zwischen 1801 und 1812 abnehmen und nach London bringen ließ. Diese Debatte ist heute lebendiger denn je.

So ist der Parthenon nicht nur ein archäologisches Monument, sondern auch ein politischer Schauplatz der Gegenwart.

Und in Deutschland?

Kein Land außerhalb Griechenlands hat sich den Parthenon so leidenschaftlich zu eigen gemacht wie das Deutschland des 19. Jahrhunderts – und eine Figur steht im Zentrum: Leo von Klenze, Hofarchitekt des bayerischen Königs Ludwig I. Hoch über der Donau bei Regensburg errichtete Klenze zwischen 1830 und 1842 die „Walhalla“, eine Ruhmeshalle für bedeutende Deutsche – und formte sie als nahezu maßstabsgetreue Nachbildung des Parthenon. Damit steht am bayerischen Donauufer buchstäblich ein „deutscher Parthenon“.

Klenzes Verhältnis zum Original war jedoch mehr als Kopie. 1834 reiste er im Auftrag Ludwigs nach Athen – Ludwigs Sohn Otto war gerade König von Griechenland geworden – und stand selbst auf der Akropolis. Klenze wirkte dort an einem frühen Antikenschutzgesetz mit und legte Pläne für die „puristische“ Freilegung der Akropolis vor: Alles Nachantike (osmanische Bauten, mittelalterliche Zutaten) sollte entfernt werden, um den klassischen Zustand wiederherzustellen – eine folgenreiche Entscheidung, die das heutige Bild der Akropolis prägte. In München schuf Klenze mit dem Königsplatz und der Glyptothek zugleich ein „Athen an der Isar“.

Wer Parthenon-Skulpturen im Original sehen möchte, muss übrigens nicht nur nach London oder Athen: Einzelne Fragmente des Bauschmucks sind über mehrere europäische Museen verstreut. Und die Glyptothek in München bewahrt zwar keine Parthenon-Originale, wohl aber die berühmten Giebelfiguren des Aphaia-Tempels von Ägina – jene griechische Skulptur, an der das 19. Jahrhundert lernte, wie farbig die vermeintlich weiße Antike wirklich war.

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Der Parthenon steht auf der Akropolis in Athen. Der Besuch lohnt sich besonders früh am Morgen oder kurz vor Sonnenuntergang – dann sind die Besucherzahlen geringer und das Licht auf dem pentelischen Marmor, der im Tageslauf seine Farbe wechselt, besonders spektakulär.

Praktische Tipps: Bequeme Schuhe sind ein Muss, denn der Weg über den Felsen ist steinig und glatt. Das moderne Akropolismuseum, nur wenige Gehminuten entfernt, bewahrt originale Skulpturen und zeigt in seiner Parthenon-Galerie den Fries in Originalanordnung – mit deutlich markierten Lücken, dort, wo sich die Londoner Fragmente befinden. Ebenfalls sehenswert sind das Erechtheion mit den berühmten Karyatiden und der kleine Tempel der Athena Nike.

Eintrittskarten lassen sich vorab online buchen; ein Kombiticket für alle Akropolis-Stätten ist empfehlenswert. Das Innere des Parthenon selbst ist wegen der laufenden Restaurierung nicht zugänglich – man umrundet das Bauwerk und bewundert es aus der Nähe.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde der Parthenon gebaut?

Der Bau begann 447 v. Chr. und war 438 v. Chr. weitgehend vollendet; im selben Jahr wurde die Athena-Statue geweiht. Die äußere Skulpturendekoration wurde bis etwa 432 v. Chr. fertiggestellt.

Wer hat den Parthenon gebaut?

Die Architekten Iktinos und Kallikrates entwarfen ihn unter der Schirmherrschaft des Perikles. Der Bildhauer Phidias leitete das gesamte Skulpturenprogramm und schuf die Kultstatue der Athena.

Warum ist der Parthenon heute eine Ruine?

Nicht das Alter zerstörte ihn, sondern der Krieg: 1687 explodierte im Parthenon ein osmanisches Pulvermagazin, getroffen von einer venezianischen Granate. Zuvor hatte das Gebäude über 2.000 Jahre als Tempel, Kirche und Moschee weitgehend intakt überstanden.

War der Parthenon wirklich strahlend weiß?

Nein. Wie die gesamte griechische Antike war der Parthenon farbig gefasst – seine Skulpturen und Bauteile leuchteten in Rot, Blau und Gold. Das reine Weiß ist eine spätere, klassizistisch-romantische Vorstellung.

Wo befinden sich die Skulpturen des Parthenon heute?

Etwa die Hälfte der erhaltenen Skulpturen – die „Elgin Marbles“ – liegt im British Museum in London; ein großer Teil im Akropolismuseum in Athen. Weitere Fragmente sind über mehrere europäische Museen verstreut. Griechenland fordert seit Langem die Rückführung der Londoner Stücke.

Der Parthenon hat Menschen über Jahrtausende fasziniert – und er wird es weiterhin tun. Wenn Sie mehr über andere Meisterwerke der antiken Kunst und Architektur erfahren möchten, stöbern Sie gerne in unseren weiteren Beiträgen auf dieser Seite. Es warten noch viele außergewöhnliche Werke.

Bild: Parthenon – Ictinus and Callicrates (447 v. Chr.). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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