Regen, Dampf und Geschwindigkeit – Die Great Western Railway
Ein Hase läuft auf den Schienen direkt vor der heranrasenden Lokomotive in Regen, Dampf und Geschwindigkeit – Die Great Western Railway – doch wer ihn heute im Original sucht, sucht vergebens. Die Farbe des Tieres ist mit den Jahrzehnten transparent geworden und für das bloße Auge unsichtbar. Nur ein Kupferstich von Robert Brandard aus dem Jahr 1859 bewahrt, was Turner dort einst gemalt hatte.
Wichtige Fakten
- Künstler: J. M. W. Turner
- Jahr: 1844
- Technik: Öl auf Leinwand
- Maße: 91 cm × 121,8 cm
- Stilrichtung: Romantik
- Aktueller Standort: National Gallery, London
Was macht dieses Werk unvergesslich?
Der verschwundene Hase ist mehr als eine Kuriosität. Der Maler George Leslie beobachtete als Knabe, wie Turner am Tag vor der Eröffnung der Royal Academy 1844 letzte Hand an das Bild legte. Später berichtete er ausdrücklich: Nicht die Lokomotive, sondern der Hase sollte die Geschwindigkeit verkörpern. Ein uraltes Symbol für Schnelligkeit stand der Maschine gegenüber – und verlor. Heute lässt sich dieser Zusammenstoß zweier Zeitalter nur noch erahnen.
Hinzu kommt Turners bewusster Umgang mit der Wirklichkeit. Die beiden Brücken am Maidenhead – die Eisenbahnbrücke und die ältere Straßenbrücke daneben – stehen in der Realität fast parallel zueinander. Turner übertrieb die Winkeldivergenz erheblich, um den Kontrast zwischen Alt und Neu schärfer herauszuarbeiten. Auch die Gleise: In Wirklichkeit verlief dort eine zweigleisige Strecke, im Gemälde ist nur ein einziges Gleis zu sehen. Das sind keine Fehler. Es sind kalkulierte Eingriffe eines Künstlers, der wusste, was er tat.
Historischer Kontext
England im Jahr 1844 war eine Gesellschaft im Umbruch. Die Great Western Railway, 1835 von Isambard Kingdom Brunel geplant, verband London mit Bristol und veränderte das Tempo des Lebens grundlegend. Die Lokomotiven der „Firefly“-Klasse, entworfen vom damals erst einundzwanzigjährigen Daniel Gooch, zogen bis 1844 bereits in 62 Exemplaren über die Schienen. Welche Maschine Turner konkret abbildete, lässt sich bis heute nicht benennen.
Gleichzeitig erlebte die Romantik ihre Spätphase. Künstler und Schriftsteller fragten, was die industrielle Welt mit dem Menschen und der Natur anstellt. Turner selbst nutzte regelmäßig den Dampfzug – er war kein Technikfeind. Dennoch lud sein Gemälde sofort zu Deutungen ein, die weit über eine Reiseszene hinausgehen.
Das Datum „1844″ bezeichnet den Zeitpunkt der ersten öffentlichen Ausstellung an der Royal Academy – nicht zwingend das Entstehungsjahr. Interne Quellen der National Gallery weisen an anderer Stelle auf 1843 hin. Diese Unschärfe ist für Biographen relevant, weil sie Turners spätes Werk zeitlich schwer einzuordnen macht.
Symbolik und worauf man achten sollte
Wer vor dem Gemälde steht, sieht zunächst kaum etwas Greifbares. Alles löst sich in Licht, Dunst und Bewegung auf. Genau das ist Absicht. Turner baute seine Bildwirkung aus einer ungewöhnlichen Farbpalette auf. Für den Regen verwendete er trübes, spachtelartig aufgetragenes Kitt-Grau. Die gleißende Sonne entstand aus dickem, verschmiertem Chromgelb. Die Schatten erhielten Karminlack, und was wie das glühende Feuer der Feuerbüchse aussieht, malte Turner nicht in Rot, sondern – scheinbar widersinnig – in Kobaltblau und Erbsengrün. Das Auge des Betrachters mischt daraus die Glut.
Diese Pigmentwahl zeigt Turners Methode: Optische Wahrheit geht vor buchstäbliche Farbwahrheit. Er nutzte damals moderne Synthetikfarben und setzte sie ein wie kein anderer seiner Zeit.
Der Hase auf den Gleisen ist im Original unsichtbar. Wer das Gemälde dennoch „verstehen“ will, sollte wissen, dass er dort einst war – zwischen der Maschine und dem offenen Horizont. Sein Fehlen verändert die Lektüre des Bildes grundlegend.
Über J. M. W. Turner
Joseph Mallord William Turner wurde 1775 in London geboren und starb dort 1851. Er gilt als bedeutendster britischer Maler des 19. Jahrhunderts und war ein Meister des Lichts, des Wetters und der atmosphärischen Stimmung. Früh von der Royal Academy gefördert, entwickelte er einen immer freieren, fast abstrakten Stil, der zu seinen Lebzeiten bewundert und zugleich belächelt wurde.
Turner reiste unermüdlich – durch England, die Alpen, Italien – und hielt alles in Skizzenbüchern fest. Dampfschiffe, Unwetter, Sonnenuntergänge über Venedig: Die Natur in Bewegung war sein eigentliches Thema. Nach seinem Tod vermachte er der Nation über 300 Ölgemälde. Das Gemälde Regen, Dampf und Geschwindigkeit gelangte 1856 im Rahmen dieses Turner Bequest in die National Gallery – als Schenkung, nicht als Kauf.
Ein Bild bei den Impressionisten
1874 zeigte der französische Druckgrafiker Félix Bracquemond bei der ersten Impressionisten-Ausstellung in Paris eine unvollendete Radierung nach dem Gemälde – unter dem Titel La Locomotive. Sie hing als eine von vier Arbeiten in einem einzigen Rahmen (Katalognummer 25 der Société Anonyme des Artistes Peintres, Sculpteurs, Graveurs). Dieser Umstand ist dokumentarisch belegt, unter anderem durch John Gages Katalog der Turner-Ausstellung von 1983–84 in Paris.
Das bedeutet: Turners Bild war buchstäblich bei der Geburtsstunde des Impressionismus präsent – nicht nur als Inspiration, die man nachträglich konstruiert, sondern als ausgestelltes Werk. Ein konkreter Berührungspunkt zwischen dem britischen Romantiker und der französischen Avantgarde.
Konservierung und offene Fragen
Das Gemälde wurde seit seiner Aufnahme in die Sammlung 1856 nie tiefengereinigt – lediglich Oberflächenstaub wurde entfernt. 1966 machte abblätternde Farbe eine Kaschierung der Leinwand notwendig. Bereits 1857 äußerte der damalige Galeriedirektor Sir Charles Eastlake Bedenken: Die Rauchschwaden hinter der Lokomotive würden zusehends undeutlich und sollten „etwas nachgeholfen“ werden. Ob tatsächlich nachretuschiert wurde, ist ungeklärt.
Diese Zurückhaltung beim Restaurieren bewahrt alle originalen Lasuren und Schlieren – aber auch jede Verfärbung, die die Zeit hinterlassen hat. Was man heute sieht, ist Turners Oberfläche, unbereinigt und ungeschönt.
Wo ist das Werk heute zu sehen?
Das Gemälde (Inventarnummer NG538) hängt dauerhaft in Raum 34 der National Gallery am Trafalgar Square in London. Seit Mai 2025 trägt dieser Raum den Namen Blavatnik Family Foundation Room, behält jedoch seine alte Nummer. Der Eintritt zur Dauersammlung ist kostenlos.
Wer eigens wegen dieses Gemäldes anreist, sollte vorab die Website der National Gallery prüfen. Das Bild hat eine dokumentierte Geschichte internationaler Leihgaben – unter anderem nach Chicago, New York, Toronto und Paris – und könnte vorübergehend abwesend sein. Im selben Raum befindet sich auch The Fighting Temeraire (NG524), ebenfalls Teil des Turner Bequest und ebenfalls nie tiefengereinigt.
Ein Hase, unsichtbar auf den Schienen, und ein Zug, der längst Geschichte ist – doch das Gemälde stellt nach wie vor eine Frage, die keine Zeit vollständig beantwortet hat: Was verlieren wir, wenn die Welt schneller wird?
Bild: Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway – J. M. W. Turner (1844). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
