J. M. W. 터너, 비, 증기 그리고 속도 – 그레이트 웨스턴 철도(1844), 메이든헤드 철도교를 건너는 파이어플라이 급 증기기관차

Regen, Dampf und Geschwindigkeit – Turners unsichtbarer Hase

Ein Hase läuft auf den Schienen direkt vor der heranrasenden Lokomotive in Regen, Dampf und Geschwindigkeit – Die Great Western Railway – doch wer ihn heute im Original sucht, sucht vergebens. Die Farbe des Tieres ist mit den Jahrzehnten transparent geworden und für das bloße Auge unsichtbar. Nur ein Kupferstich von Robert Brandard aus dem Jahr 1859 bewahrt, was Turner dort einst gemalt hatte.

Wichtige Fakten

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Der verschwundene Hase ist mehr als eine Kuriosität. Der Maler George Leslie beobachtete als Knabe, wie Turner am Tag vor der Eröffnung der Royal Academy 1844 letzte Hand an das Bild legte. Später berichtete er ausdrücklich: Nicht die Lokomotive, sondern der Hase sollte die Geschwindigkeit verkörpern. Ein uraltes Symbol für Schnelligkeit – die Schnelligkeit der Natur – stand der mechanischen Schnelligkeit der Maschine gegenüber. Turner pinselte ihn ganz zuletzt und leicht über die bereits getrocknete Farbe; heute lässt sich dieser Zusammenstoß zweier Zeitalter nur noch erahnen.

Hinzu kommt Turners bewusster Umgang mit der Wirklichkeit. Wir blicken nach Osten, Richtung London, während der Zug nach Westen rast. Die brutale perspektivische Verkürzung des Viadukts, der unser Auge bis zum Horizont folgt, lässt den Zug förmlich aus dem Regen hervorbrechen. Und die Brücke selbst ist real: die Maidenhead Railway Bridge über die Themse, von Isambard Kingdom Brunel entworfen und 1838 vollendet – berüchtigt für ihre zwei riesigen, extrem flachen Ziegelbögen von je 128 Fuß Spannweite, den größten und flachsten, die je gebaut worden waren.

Historischer Kontext

England 1844 war eine Gesellschaft im Umbruch, mitten in der „Railway Mania“. Die Great Western Railway, ab 1833 von Brunel geplant, verband London mit Bristol und veränderte das Tempo des Lebens grundlegend. Bemerkenswert: Brunel war bei seiner Ernennung zum Chefingenieur erst 27 – genau das Alter, in dem Turner zum Mitglied der Royal Academy gewählt worden war. Auf ebenen Strecken wie dem Maidenhead-Viadukt erreichten die Lokomotiven der „Firefly“-Klasse damals rund 60 Meilen pro Stunde – schneller als jedes galoppierende Pferd. Welche Maschine Turner konkret abbildete, lässt sich bis heute nicht benennen.

Gleichzeitig erlebte die Romantik ihre Spätphase. Künstler und Schriftsteller fragten, was die industrielle Welt mit Mensch und Natur anstellt. Turner selbst nutzte regelmäßig den Dampfzug – er war kein Technikfeind. Der Schriftsteller William Makepeace Thackeray war überwältigt und schrieb 1844, Turner habe „alle früheren Wunder übertroffen“: Man sehe echten Regen, dahinter echten Sonnenschein, und ein Zug rase mit fünfzig Meilen pro Stunde geradewegs auf den Betrachter zu. „Die Welt hat noch nie etwas wie dieses Bild gesehen.“

Das Datum „1844″ bezeichnet die erste öffentliche Ausstellung, nicht zwingend das Entstehungsjahr – möglicherweise malte Turner das Bild etwas früher. Diese Unschärfe macht sein Spätwerk zeitlich schwer einzuordnen.

Symbolik und worauf man achten sollte

Wer vor dem Gemälde steht, sieht zunächst kaum etwas Greifbares: Alles löst sich in Licht, Dunst und Bewegung auf. Genau das ist Absicht. Turner baute seine Wirkung aus einer ungewöhnlichen Farbpalette auf. Für den Regen verwendete er trübes, spachtelartig aufgetragenes Kitt-Grau, die gleißende Sonne entstand aus dickem Chromgelb, die Schatten aus Karminlack. Und was wie das glühende Feuer der Feuerbüchse aussieht, malte Turner nicht in Rot, sondern – scheinbar widersinnig – in Kobaltblau und Erbsengrün. Das Auge des Betrachters mischt daraus die Glut.

Diese Pigmentwahl zeigt Turners Methode: Optische Wahrheit geht vor buchstäbliche Farbwahrheit. Er nutzte damals moderne Synthetikfarben und setzte sie ein wie kein anderer seiner Zeit. Der Dampf selbst ist übrigens nur andeutungsweise da – drei kleine Wölkchen aus dem Schlot; die riesigen Dampfwolken, die wir mit Loks verbinden, gab es 1844 noch gar nicht.

Der Hase auf den Gleisen ist im Original unsichtbar. Wer das Gemälde dennoch „lesen“ will, sollte wissen, dass er dort einst war – zwischen der Maschine und dem offenen Horizont. Sein Fehlen verändert die Deutung grundlegend: Ohne ihn scheint nur die Maschine zu triumphieren.

Über J. M. W. Turner

Joseph Mallord William Turner wurde 1775 in London geboren und starb dort 1851. Er gilt als bedeutendster britischer Maler des 19. Jahrhunderts – ein Meister des Lichts, des Wetters und der atmosphärischen Stimmung. Früh von der Royal Academy gefördert, entwickelte er einen immer freieren, fast abstrakten Stil, der zu Lebzeiten bewundert und zugleich belächelt wurde.

Turner reiste unermüdlich – durch England, die Alpen, Italien – und hielt alles in Skizzenbüchern fest; die Natur in Bewegung war sein eigentliches Thema. Dampfschiffe und Sonnenuntergänge, etwa in seiner Kämpfenden Temeraire, wurden zu seinem Markenzeichen. Nach seinem Tod vermachte er der Nation über 300 Ölgemälde. Regen, Dampf und Geschwindigkeit gelangte 1856 im Rahmen dieses Turner-Vermächtnisses in die National Gallery – als Schenkung, nicht als Kauf.

Ein Bild bei den Impressionisten

1874 zeigte der französische Druckgrafiker Félix Bracquemond bei der ersten Impressionisten-Ausstellung in Paris eine unvollendete Radierung nach dem Gemälde – unter dem Titel „La Locomotive“. Sie hing als eine von vier Arbeiten in einem einzigen Rahmen (Katalognummer 25 der Société Anonyme des Artistes Peintres, Sculpteurs, Graveurs). Dieser Umstand ist dokumentarisch belegt, unter anderem durch John Gages Katalog der Turner-Ausstellung von 1983–84 in Paris.

Das bedeutet: Turners Bild war buchstäblich bei der Geburtsstunde des Impressionismus präsent – nicht nur als nachträglich konstruierte Inspiration, sondern als ausgestelltes Werk. Ein konkreter Berührungspunkt zwischen dem britischen Romantiker und der französischen Avantgarde.

Und in Deutschland?

Turners rasenden Zug muss man neben ein deutsches Gegenstück stellen, um seine Radikalität ganz zu verstehen: Adolph Menzels „Die Berlin-Potsdamer Bahn“ von 1847. Nur drei Jahre nach Turner malte Menzel als erster deutscher Künstler überhaupt einen Eisenbahnzug in der Landschaft – die 1838 eröffnete erste preußische Strecke, aus der Höhe südlich des heutigen Gleisdreiecks gesehen. Der Vergleich ist aufschlussreich: Wo Turner Regen, Dunst und existenzielle Wucht malt, zeigt Menzel eine nüchterne, fast dokumentarische Brachlandschaft vor den Toren Berlins – die Bahn als selbstverständliches, positiv besetztes Zeichen des Fortschritts. Beide aber lösen mit ihrer flirrenden, skizzenhaften Malweise die feste Form auf und nehmen so, jeder auf seine Art, den Impressionismus vorweg.

Menzels Bild hängt in der Alten Nationalgalerie in Berlin, die es 1899 erwarb – zusammen mit weiteren Werken zählt es zu den frühesten Industriebildern der deutschen Kunst. Auch Turner selbst wurde in Deutschland früh geschätzt: Bedeutende Arbeiten des Malers bewahren die Hamburger Kunsthalle und das Städel Museum in Frankfurt. So lässt sich der Dialog über Dampf, Tempo und Moderne, den Turner 1844 eröffnete, in deutschen Museen direkt weiterführen.

Konservierung und offene Fragen

Das Gemälde wurde seit seiner Aufnahme in die Sammlung 1856 nie tiefengereinigt – lediglich Oberflächenstaub wurde entfernt. 1966 machte abblätternde Farbe eine Kaschierung der Leinwand notwendig. Bereits 1857 äußerte der damalige Galeriedirektor Sir Charles Eastlake Bedenken: Die Rauchschwaden hinter der Lokomotive würden zusehends undeutlich und sollten „etwas nachgeholfen“ werden. Ob tatsächlich nachretuschiert wurde, ist ungeklärt; auf der Oberfläche sind keine Übermalungen erkennbar.

Diese Zurückhaltung beim Restaurieren bewahrt alle originalen Lasuren und Schlieren – aber auch jede Verfärbung, die die Zeit hinterlassen hat. Was man heute sieht, ist Turners Oberfläche, unbereinigt und ungeschönt (die National Gallery merkt allerdings an, der Kupferstich von 1859 könnte die Kontraste auch überbetont haben).

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Das Gemälde (NG538) hängt dauerhaft in Raum 34 der National Gallery am Trafalgar Square in London. Seit Mai 2025 trägt dieser Raum den Namen „Blavatnik Family Foundation Room“, behält aber seine Nummer. Der Eintritt zur Dauersammlung ist kostenlos.

Wer eigens wegen dieses Bildes anreist, sollte vorab die Website der National Gallery prüfen: Das Werk hat eine dokumentierte Geschichte internationaler Leihgaben – u. a. nach Chicago, New York, Toronto und Paris – und könnte vorübergehend abwesend sein. Im selben Raum hängt auch The Fighting Temeraire (NG524), ebenfalls Teil des Turner-Vermächtnisses und ebenfalls nie tiefengereinigt.

Ein Hase, unsichtbar auf den Schienen, und ein Zug, der längst Geschichte ist – doch das Gemälde stellt nach wie vor eine Frage, die keine Zeit vollständig beantwortet hat: Was verlieren wir, wenn die Welt schneller wird? Mehr Meisterwerke der Romantik entdecken Sie auf unserer Seite.

Bild: Regen, Dampf und Geschwindigkeit – Die Great Western Railway – J. M. W. Turner (1844). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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