The Clothed Maja by Francisco Goya, 1805

Die bekleidete Maja – Goya: Rätsel, Deutung & das Aktpaar

Sie kam später – und war vielleicht dazu gedacht, das Aktbild zu verstecken: „Die bekleidete Maja“ entstand nach ihrer nackten Schwester, angeblich als Deckbild, das über die „nackte Maja“ geschoben werden konnte. Und doch wirkt die angezogene Frau auf viele Betrachter provokanter als die nackte. Ohne ein einziges entblößtes Körperteil stellt Goya hier die Psychologie des Begehrens bloß.

Wichtige Fakten

  • Künstler: Francisco Goya
  • Entstehung: um 1800–1807 (nach der „nackten Maja“)
  • Technik: Öl auf Leinwand
  • Maße: 95 × 188 cm
  • Gegenstück: „Die nackte Maja“ (La maja desnuda)
  • Wahrscheinlicher Auftraggeber: Manuel Godoy, Premierminister
  • Stilrichtung: Romantik
  • Aktueller Standort: Prado, Madrid (seit 1901)

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Die bekleidete Maja ist weit mehr als bloß eine angezogene Version ihrer nackten Schwester. Sie ist eine eigenständige Aussage – über Würde, Verführung und die Macht des Blicks. Die Frau schaut uns direkt an, entspannt und selbstbewusst, mit einem Ausdruck, der mehr verspricht, als er verrät.

Bemerkenswert: Auf viele Betrachter wirkt die bekleidete Fassung sogar provokanter als der Akt. Das eng anliegende Kostüm betont jeden Körperumriss; die Kleidung verhüllt nichts, sondern lenkt die Fantasie. Goya verstand die Psychologie des Begehrens wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit.

Hinzu kommt das Rätsel der Identität. Bis heute ist unbekannt, wer das Modell war und wer das Gemälde in Auftrag gab. Damit bleibt Die bekleidete Maja ein offenes Geheimnis, das die Kunstgeschichte seit über zwei Jahrhunderten beschäftigt.

Historischer Kontext

Goya malte Die bekleidete Maja um 1800 bis 1807, in einer politisch aufgewühlten Zeit: Spanien geriet in den Sog der Napoleonischen Kriege, die alte Ordnung wankte. König Karl IV. regierte, doch die eigentliche Macht lag beim Premierminister Manuel de Godoy.

Godoy war ein leidenschaftlicher Sammler – und höchstwahrscheinlich der Besteller beider Majas. Er bewahrte sie in einem privaten Kabinett auf, das ausschließlich Aktgemälden vorbehalten war, neben Werken wie Velázquez‘ „Toilette der Venus“. Entscheidend ist die Reihenfolge: Die nackte Maja entstand zuerst; die bekleidete Fassung kam später hinzu. Einer verbreiteten (allerdings unbewiesenen) Erklärung zufolge diente sie als „Deckbild“: Über einen Mechanismus ließ sich das anstößige Aktbild verbergen, wenn ungebetener Besuch erschien.

Als mögliche Modelle gelten seit dem 19. Jahrhundert die Herzogin von Alba (María Cayetana de Silva) und, heute meist favorisiert, Godoys Geliebte Pepita Tudó. Auffällig ist, dass der Kopf der Maja seltsam steif auf dem Körper sitzt – manche Forscher vermuten, Goya habe das Gesicht nachträglich überarbeitet, möglicherweise um die Identität zu verschleiern. Gesichert ist keine dieser Zuschreibungen.

Der Skandal kam spät. Erst 1808 wurde Godoys Sammlung während der französischen Besatzung beschlagnahmt und beide Majas als „obszön“ inventarisiert. Und erst am 16. März 1815, unter dem restaurierten König Ferdinand VII., lud die wiedereingesetzte Inquisition Goya vor, um zu erklären, wer die Werke bestellt habe und warum – wobei ausdrücklich auch die bekleidete Fassung genannt wurde. Verurteilt wurde Goya jedoch nicht.

Symbolik und worauf man achten sollte

Beginnen Sie mit dem Blick der Frau: Sie schaut Sie direkt an – nicht schüchtern, nicht abweisend. Dieser Blick ist Einladung und Herausforderung zugleich und verleiht der Figur eine Präsenz, die vielen Porträts jener Epoche fehlt.

Achten Sie dann auf die Kleidung: eine kurze goldbestickte Jacke (Bolero), eine breite rosafarbene Schärpe um die Taille und ein hauchdünnes weißes Gewand, das sich eng an den Körper schmiegt. Genau dieses Kostüm – das der Madrider „Majas“, des selbstbewussten einfachen Stadtvolks – gab beiden Bildern erst ihren Namen. Es ist keine Hofkleidung, sondern ein bewusster Bruch mit der aristokratischen Bildkonvention.

Vergleichen Sie außerdem die Malweise mit der des Aktbildes: Die bekleidete Maja ist merklich schneller und lockerer gemalt, mit sichtbaren, fast skizzenhaften Pinselstrichen in der Kleidung. Das stützt die Annahme, dass sie später und rascher entstand als ihr sorgfältig ausgeführtes nacktes Gegenstück.

Bemerkenswert ist schließlich die Pose: Die Frau liegt entspannt auf einem Diwan, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Für eine Frau im frühen 19. Jahrhundert war diese Haltung ungewöhnlich selbstbewusst – sie signalisiert Ruhe und Kontrolle, kein unterwürfiges Modell, sondern eine Person mit eigenem Willen.

Über Francisco Goya

Francisco José de Goya y Lucientes wurde 1746 in Fuendetodos in Aragonien geboren. Er stieg zum gefeierten Hofmaler der spanischen Könige auf und porträtierte die Hochgesellschaft mit scharfem Blick für Charakter und Schwäche – doch er war weit mehr als ein Hofmaler.

Nach einer schweren Krankheit um 1792/93, die ihn ertauben ließ, verdüsterte sich sein Werk radikal. Er wandte sich Krieg, Wahn und Gewalt zu: Die Radierserie „Los Desastres de la Guerra“ und die verstörenden Schwarzen Gemälde gehören zu den eindringlichsten Werken der Kunstgeschichte.

Goya starb 1828 im Exil in Bordeaux. Er gilt als Brücke zwischen der Tradition der Alten Meister und der modernen Kunst – ohne ihn ist weder der Realismus noch der Expressionismus des 20. Jahrhunderts denkbar.

Und in Deutschland?

Beide Majas stehen in einer langen europäischen Tradition des liegenden Akts – und deren berühmteste Vorbilder führen auch nach Deutschland. Tizian prägte diese Bildidee mit seiner „Venus von Urbino“; eine bedeutende Variante, die „Venus mit Orgelspieler“, hängt in der Gemäldegalerie in Berlin. Auch die deutschsprachige Kunstwissenschaft hat sich intensiv mit dem Motiv beschäftigt, etwa Andreas Prater in seiner Studie „Venus at Her Mirror. Velázquez and the Art of Nude Painting“, die Velázquez‘ Venus, Goyas Majas und die ganze Gattung des weiblichen Akts miteinander verbindet.

Auch Goyas Wirkung reicht tief nach Deutschland. Seine schonungslose, entlarvende Bildsprache wurde zum Vorbild für die großen Ankläger des 20. Jahrhunderts – Otto Dix, Max Beckmann und George Grosz stehen erkennbar in seiner Tradition. Und wer Goya in Deutschland im Original sehen möchte, wird fündig: Die Alte Pinakothek in München, die Gemäldegalerie in Berlin und die Hamburger Kunsthalle besitzen bedeutende Werke des Spaniers.

Vermächtnis und Einfluss

Die bekleidete Maja beeinflusste zahllose spätere Werke. Édouard Manets „Olympia“ (1863) trägt deutliche Spuren dieser direkten, unerschrockenen Pose und des frontalen Blicks – die Linie führt von Madrid direkt in die Pariser Moderne.

Kulturell ist die Maja längst ein Symbol Spaniens: Sie zierte spanische Peseten-Banknoten, und 1930 erschien die nackte Fassung sogar auf einer Briefmarke – die in den prüden USA zeitweise als „unanständig“ von der Post ausgeschlossen wurde. Das Original im Prado verliert dabei nichts von seiner Faszination; im Gegenteil, es gewinnt vor Ort an Tiefe und Stille.

Bis heute regt das Bilderpaar Debatten an – über Weiblichkeit, die Macht des Blicks und die Frage, wem Bilder von Frauen eigentlich gehören. Damit bleibt Die bekleidete Maja ein erstaunlich zeitgemäßes Werk.

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Die bekleidete Maja hängt seit 1901 im Museo del Prado in Madrid – in der Regel direkt neben ihrer nackten Schwester. Diesen Dialog beider Fassungen nebeneinander bietet kein anderes Museum der Welt; er ist der eigentliche Höhepunkt.

Öffnungszeiten und Eintritt prüfen Sie am besten vorab auf der Museumsseite; in den letzten Öffnungsstunden ist der Eintritt in der Regel frei, dann aber sehr voll. Am ruhigsten ist ein Werktagvormittag. Planen Sie außerdem Zeit für Goyas Schwarze Gemälde und für Velázquez‘ „Las Meninas“ ein.

Das Aktpaar der beiden Majas ist eines von mehreren berühmten Bildpaaren, die man am besten gemeinsam betrachtet – warum das so ist und welche Werke es sonst noch mehrfach gibt, zeigt unser Leitfaden „Welche Fassung sehen Sie?“.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist die Frau auf der „bekleideten Maja“?

Das ist bis heute ungeklärt. Als Kandidatinnen gelten die Herzogin von Alba und – heute meist favorisiert – Pepita Tudó, die Geliebte des Premierministers Godoy. Eine gesicherte Zuschreibung existiert nicht.

Was ist der Unterschied zur „nackten Maja“?

Beide zeigen dieselbe Frau in identischer Pose auf demselben Diwan. Die bekleidete Maja trägt das typische Maja-Kostüm mit Bolero und Schärpe, die nackte Version zeigt sie unbekleidet. Die bekleidete Fassung entstand später und ist lockerer gemalt.

Diente die bekleidete Maja dazu, das Aktbild zu verstecken?

Das ist eine verbreitete Erzählung, aber nicht belegt. Möglicherweise ließ sich das Aktbild über einen Mechanismus mit der bekleideten Fassung verdecken. Sicher ist nur, dass die bekleidete Maja später zum Akt hinzukam.

Warum stand die bekleidete Maja vor der Inquisition?

Vor allem das nackte Pendant erregte Anstoß, doch 1815 nannte die Inquisition ausdrücklich beide Majas. Goya sollte erklären, wer sie bestellt hatte und warum. Verurteilt wurde er nicht.

Wann entstand die bekleidete Maja?

Die genaue Datierung ist nicht gesichert; Forscher setzen sie auf etwa 1800 bis 1807 an, jedenfalls nach der nackten Fassung.

Hat Sie Die bekleidete Maja fasziniert? Dann entdecken Sie auf unserer Seite weitere Meisterwerke der Romantik und der spanischen Malerei – von Goyas düsteren Spätwerken bis zu den Visionen seiner Zeitgenossen.

Bild: Die bekleidete Maja – Francisco Goya (um 1800–1807). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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