Mona Lisa
Der Beweis liegt in Heidelberg. In der Universitätsbibliothek, unter der Signatur D 7620 qt. INC, steht eine Cicero-Ausgabe, gedruckt 1477 in Bologna. Auf Blatt 11 hat ein Florentiner Kanzleibeamter im Oktober 1503 eine Randnotiz in Latein hinterlassen: Leonardo arbeite gerade am caput Lise del Giocondo – am Kopf der Lisa del Giocondo. Das Buch kam 1706 als Schenkung des Pfälzer Kurfürsten nach Heidelberg und stand dort dreihundert Jahre im Regal, ohne dass jemand die Notiz bemerkte. Erst 2005 stieß ein Bibliothekar beim Katalogisieren darauf. Seitdem ist geklärt, wer auf dem berühmtesten Gemälde der Welt zu sehen ist.
Wichtige Fakten
- Künstler: Leonardo da Vinci (1452–1519)
- Italienischer Titel: La Gioconda; französisch La Joconde; im Louvre-Inventar: Portrait de Lisa Gherardini, épouse de Francesco del Giocondo
- Datierung: begonnen um 1503 in Florenz, überarbeitet bis etwa 1517
- Technik: Öl auf einer einzigen Pappelholztafel, rund 13 mm stark
- Maße: 77 × 53 cm
- Signatur und Datum: keine
- Stilrichtung: Renaissance
- Aktueller Standort: Louvre, Paris – Salle des États (Saal 711), Denon-Flügel, erster Stock
- Inventarnummer: INV 779
Wer sie war – was die Quellen sagen
Die populäre Erzählung lautet, vier Jahrhunderte lang habe niemand gewusst, wer die Frau ist. Das stimmt so nicht. Bereits 1550 schrieb Giorgio Vasari in seinen Viten, Leonardo habe das Bildnis der «Monna Lisa», der Frau des Francesco del Giocondo, begonnen. Das Problem war ein anderes: Vasari hatte das Gemälde nie gesehen – er beschreibt ausführlich die Augenbrauen, und das Bild hat keine –, und er schrieb ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen. Man konnte ihm glauben oder nicht.
Und so kursierten Alternativen: Isabella von Aragón, eine Geliebte Giuliano de‘ Medicis, eine idealisierte Fantasiefigur, Leonardos Mutter und in der kühnsten Variante Leonardo selbst in Frauenkleidern.
Die Heidelberger Notiz hat Vasari bestätigt. Sie ist zeitgenössisch, datiert, und ihr Verfasser hatte keinen Grund zu täuschen. Der vollständige lateinische Text lautet: Apelles pictor. Ita Leonardus Vincius facit in omnibus suis picturis, ut enim caput Lise del Giocondo et Anne matris virginis. – «Der Maler Apelles. So macht es Leonardo da Vinci in all seinen Gemälden, wie etwa beim Kopf der Lisa del Giocondo und der Anna, der Mutter der Jungfrau.»
Vespucci erwähnt im selben Atemzug auch das große Wandbild für den Ratssaal, das Leonardo gerade mit dem Gonfaloniere verhandle – die spätere Schlacht von Anghiari. Die Notiz datiert damit drei Werke Leonardos auf einmal.
Ganz vollständig ist das Bild dennoch nicht. 1517 besuchte Antonio de Beatis, Sekretär des Kardinals Luigi d’Aragona, Leonardo in Amboise und notierte, er habe dort das Porträt «einer gewissen Florentiner Dame, nach dem Leben gemalt auf Wunsch des verstorbenen Magnifico Giuliano de‘ Medici» gesehen. Giuliano war Leonardos Gönner in Rom gewesen. Offen ist also nicht mehr, wer dargestellt ist, sondern für wen das Bild am Ende gemalt wurde. Die gängige Lesart: Leonardo begann es für den Ehemann, lieferte es nie ab, und Jahre später interessierte sich Giuliano dafür.
Einzelne Historiker bleiben skeptisch: Die Notiz beweise, dass Leonardo Lisa porträtierte, aber nicht zwingend, dass es sich um dieses Bild handelt. Die Mehrheit der Forschung hält die Frage dennoch für entschieden. Es ist einer von mehreren jahrhundertealten Streitfällen, die in den letzten zwei Jahrzehnten entschieden wurden. Hier sind die übrigen.
Wer Lisa Gherardini war
Sie wurde am 15. Juni 1479 in Florenz geboren, in einer verarmten Familie von Landbesitzern.
Mit fünfzehn heiratete sie Francesco del Giocondo, einen Seiden- und Tuchhändler, rund vierzehn Jahre älter und bereits zweimal verwitwet. Sie hatten fünf Kinder; zwei Töchter gingen ins Kloster.
Der Auftrag fällt mit zwei Ereignissen zusammen: der Geburt ihres Sohnes Andrea im Dezember 1502 und dem Kauf eines neuen Hauses in der Via della Stufa im Frühjahr 1503. Jedes davon rechtfertigte ein Porträt.
Sie war weder adlig noch besonders reich, sondern die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns – genau die Klientel, die um 1500 in Florenz begann, Porträts zu bestellen.
Sie starb um 1542 im Kloster Sant’Orsola, wohin sie sich als Witwe zurückgezogen hatte. Zwischen 2011 und 2015 suchte ein italienisches Team dort nach ihren Gebeinen; identifizieren ließ sie sich nicht, die DNA war zu stark zersetzt.
Woher der Name kommt
Beide gängigen Titel sagen etwas anderes, und keinen hat Leonardo gewählt.
Mona Lisa kommt von italienisch monna, einer Verkürzung von madonna – schlicht «Frau» oder «Dame». Also: Frau Lisa. Vasari schreibt «Monna» mit zwei n; außerhalb Italiens setzte sich die Form mit einem n durch.
La Gioconda ist der Familienname des Ehemanns in weiblicher Form – «die Giocondo». Im Italienischen bedeutet das Wort zugleich «die Heitere». Das Wortspiel passt zum Lächeln, und es ist wahrscheinlich kein Zufall.
Der Name La Gioconda taucht erstmals 1525 im Nachlassinventar von Leonardos Schüler Salaì in Mailand auf.
Was macht dieses Werk unvergesslich?
Das europäische Porträt vor Leonardo war Profil oder frontal, starr, distanziert. Die Dargestellte blickte den Betrachter nicht an, weil es sich nicht gehörte.
Leonardo drehte den Körper in eine Dreiviertelansicht, schob die Hände in den Vordergrund und ließ den Blick aus dem Bild treten. Das Ergebnis ist ein Gemälde, das antwortet. Es wird für drei Jahrhunderte zum Modell des europäischen Porträts.
Die Technik dahinter heißt Sfumato, von italienisch fumo, Rauch: hauchdünne, übereinanderliegende Farbschichten ohne eine einzige Konturlinie.
Wie dünn, ließ sich 2010 messen. Ein Team des französischen Restaurierungszentrums C2RMF unter Philippe Walter untersuchte das Bild mit Röntgenfluoreszenz, ohne es zu berühren. Ergebnis: Die Schatten im Gesicht bestehen aus Lasuren von ein bis zwei Mikrometern Stärke, bis zu dreißig Mal übereinandergelegt. Das Volumen entsteht nicht durch Mischen auf der Palette, sondern durch das Stapeln von Transparenz.
Und eines wird selten gesagt: Das Bild ist im technischen Sinn unvollendet. Leonardo behielt es sechzehn Jahre bei sich und arbeitete immer wieder daran; bis ins letzte Detail ausgeführte Partien stehen neben kaum angedeuteten. Vasari nennt es ausdrücklich «unvollkommen». Auch Das Abendmahl litt unter derselben Arbeitsweise: Leonardo verweigerte das Fresko, weil es keine Korrekturen erlaubt.
Das Lächeln – eine präzisere Antwort, als man denkt
Was Leonardo tat. Er verwischte die Mundwinkel mit demselben Sfumato wie das übrige Gesicht. Der Mund hat keine feste Kontur. Das Lächeln ist nicht gezeichnet, es ist nur durch Schatten angedeutet.
Was das Auge tut. Die Harvard-Neurowissenschaftlerin Margaret Livingstone erklärte den Mechanismus im Jahr 2000. Das zentrale Sehen, mit dem wir lesen, erfasst feine Details, ist aber schlecht bei weichen Schatten. Das periphere Sehen ist umgekehrt. Blickt man auf die Augen des Porträts, liegt der Mund in der Peripherie, und die Schatten der Mundwinkel werden als Lächeln gelesen. Blickt man direkt auf den Mund, findet das zentrale Sehen kein Lächeln – weil keine Linie es zeichnet. Der Ausdruck erscheint und verschwindet, je nachdem, wohin man schaut.
Was man später daraus machte. Das Geheimnis des Lächelns ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts: Théophile Gautier, Walter Pater, der es «älter als die Felsen, zwischen denen sie sitzt» nannte, und Freud, der es 1910 als Erinnerung an Leonardos Mutter deutete. Keiner lieferte Daten. Sie lieferten den Ruhm.
Symbolik und worauf man achten sollte
Der Blick folgt Ihnen nicht. Den Eindruck, dass die Augen eines Porträts dem Betrachter durch den Raum folgen, nennt man «Mona-Lisa-Effekt». 2019 maßen zwei Forscher der Universität Bielefeld die Blickrichtung im Gemälde und kamen zu dem Ergebnis, dass sie rund fünfzehn Grad rechts am Betrachter vorbei geht. Ausgerechnet die Mona Lisa erzeugt den nach ihr benannten Effekt nicht.
Die Landschaft passt nicht zusammen. Der Horizont liegt links tiefer als rechts. Deckt man abwechselnd eine Hälfte ab, scheint die Figur ihre Größe zu ändern. Eine bewusste Störung, die das Bild in der Schwebe hält. Die Landschaft entspricht keiner realen Gegend; vorgeschlagen wurden die Brücke von Buriano bei Arezzo, Bobbio und der Comer See, anerkannt ist keine davon.
Die Stickerei am Ausschnitt. Ein Muster aus verschlungenen Knoten, das Leonardo immer wieder zeichnete und das als Wortspiel mit seinem Namen gelesen wird: vinci bezeichnet auch geflochtene Weidenruten. Man muss sehr nah heran.
Der Schleier. Über dem Haar liegt ein fast unsichtbarer Gazeschleier, der im 16. Jahrhundert Tugend und nach manchen Lesarten eine kürzlich erfolgte Geburt anzeigte – passend zur Geburt ihres Sohnes Andrea wenige Monate vor dem Auftrag.
Die fehlenden Säulen. Links und rechts erkennt man die Basen zweier Säulen: Die Frau sitzt in einer offenen Loggia. Lange glaubte man, das Bild sei beschnitten worden. Die technischen Untersuchungen schließen das aus – die Tafel hat ihre ursprünglichen Ränder.
Die Augenbrauen. Es gibt keine. 2007 untersuchte der französische Ingenieur Pascal Cotte das Bild mit einer Multispektralkamera und fand Spuren eines Pinselstrichs über der linken Braue. Wahrscheinlich waren sie mit feinsten Strichen gemalt und gingen bei einer frühen Reinigung verloren. Vasari, der die Brauen beschrieb, hatte also recht, obwohl er das Bild nie gesehen hatte.
Der Riss. Die Pappeltafel ist oben eingerissen, vor dem 18. Jahrhundert. Der Riss ist rund elf Zentimeter lang und wird auf der Rückseite durch zwei schmetterlingsförmige Holzkeile stabilisiert.
Die Hände. Die rechte liegt auf der linken, in vollkommener Ruhe. Sie sind der am besten erhaltene Teil des Gemäldes – und einer der Gründe für seinen unmittelbaren Einfluss.
Historischer Kontext
Leonardo begann das Porträt um 1503 in Florenz, gerade aus Mailand zurückgekehrt, wo er fast zwanzig Jahre für Ludovico Sforza gearbeitet hatte. Er war einundfünfzig und hatte den Ruf eines Genies, das seine Aufträge nicht vollendet.
Florenz war eine Republik unter Druck, zwischen der Vertreibung der Medici 1494 und ihrer Rückkehr 1512, und Niccolò Machiavelli war Sekretär der Kanzlei. Agostino Vespucci, der Verfasser der Heidelberger Notiz, war sein Mitarbeiter.
Wenige Straßen weiter vollendete der achtundzwanzigjährige Michelangelo gerade den David. 1504 erhielten beide den Auftrag, gegenüberliegende Wände des Ratssaals im Palazzo Vecchio auszumalen – Leonardo die Schlacht von Anghiari, Michelangelo die Schlacht von Cascina. Keines der beiden Wandbilder wurde vollendet.
Leonardo lieferte das Porträt nie ab. Er nahm es 1506 mit nach Mailand, später nach Rom und 1516 nach Frankreich, als Franz I. ihn nach Amboise einlud. Er reiste auf einem Maultier über die Alpen, mit drei Gemälden im Gepäck: diesem, der Heiligen Anna selbdritt und Johannes dem Täufer. Alle drei hängen heute im Louvre.
Er starb am 2. Mai 1519 in Amboise. Das Bild kam auf nicht genau belegtem Weg an die französische Krone – vermutlich kaufte der König es Salaì oder den Erben ab – und über Fontainebleau, Versailles und die Revolution in den Louvre. Napoleon hängte es sich von 1800 bis 1804 ins Schlafzimmer in den Tuilerien.
Der Diebstahl von 1911
Er machte das Bild zu dem, was es heute ist.
Am Montag, dem 21. August 1911 – Ruhetag des Museums – betrat Vincenzo Peruggia, ein italienischer Anstreicher, der im Louvre die gläsernen Schutzkästen montiert hatte, in weißem Arbeitskittel das Museum, nahm die Tafel von der Wand, löste sie in einem Treppenhaus aus dem Rahmen und ging mit ihr unter der Kleidung hinaus.
Niemand bemerkte es bis zum nächsten Tag. Als der Maler Louis Béroud kam, um das Bild zu kopieren, und vier leere Haken vorfand, dachte das Personal, es sei beim Fotografen. Es dauerte Stunden, bis klar war, dass nicht.
Unter den Verdächtigen waren der Dichter Guillaume Apollinaire, der fünf Tage in Untersuchungshaft saß, und Pablo Picasso, der vorgeladen wurde. Beide hatten nichts damit zu tun, wohl aber mit iberischen Statuetten, die ein Bekannter Apollinaires Jahre zuvor aus dem Louvre gestohlen hatte.
Peruggia bewahrte das Gemälde über zwei Jahre in einem Koffer mit doppeltem Boden in seiner Pariser Wohnung auf und brachte es Ende 1913 nach Florenz, wo er es dem Kunsthändler Alfredo Geri anbot. Geri alarmierte die Polizei. Peruggia berief sich auf Patriotismus – er wolle zurückbringen, was Napoleon geraubt habe. Das Argument war falsch: Das Bild kam mit Leonardo nach Frankreich, nicht als Beute. Er verbüßte sieben Monate. Am 4. Januar 1914 hing die Mona Lisa wieder im Louvre.
Und das ist die eigentliche Pointe: Vor 1911 war die Mona Lisa ein unter Kennern hochgeschätztes Bild, aber nicht das berühmteste Gemälde des Louvre. Der Diebstahl fiel in die Zeit, in der die illustrierte Presse Fotos in Millionenauflage drucken konnte. Zwei Jahre lang erschien das Bild weltweit in den Zeitungen, verbunden mit einem Kriminalfall und berühmten Verdächtigen. Als es zurückkam, war es kein Renaissanceporträt mehr, sondern die Hauptfigur einer Nachricht. Der Ruhm kam nicht vom Bild, sondern von seiner Abwesenheit.
Warum es hinter Glas hängt
Wegen einer langen Liste von Angriffen.
1956 gleich zweimal: Säure, die den unteren Teil beschädigte, und im Dezember ein geworfener Stein, der ein Farbstück am linken Ellbogen absprengte. Danach kam das Glas.
1974 sprühte eine Frau in Tokio rote Farbe – aus Protest gegen die fehlende Barrierefreiheit der Ausstellung. 2009 warf eine Frau eine Keramiktasse. 2022 beschmierte ein als alte Frau im Rollstuhl verkleideter Mann das Glas mit Torte. 2024 warfen zwei Klimaaktivistinnen Suppe.
Bei keinem der letzten vier Angriffe wurde die Tafel beschädigt.
Eine Holztafel, die sich bewegt
Dieser Abschnitt erklärt, warum das Bild nicht gereinigt, nicht restauriert wird und praktisch nie reist.
Die Pappeltafel reagiert auf Feuchtigkeit, dehnt sich und zieht sich zusammen. Sie ist verzogen, und das seit Jahrhunderten; der Riss oben ist die Folge. Der Louvre misst die Verwölbung regelmäßig. Die 2005 installierte Vitrine hält rund 19 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Gereinigt wurde das Bild in der Moderne nie. Der Louvre lehnt es ab, den vergilbten Firnis abzunehmen, weil Lasuren von einem Mikrometer Stärke jeden Lösungsmitteleinsatz riskant machen. Was man heute sieht, ist eine nachgedunkelte Fassung des Originals – und wird es bleiben.
Deshalb verließ es das Museum nur zweimal freiwillig: 1963 für eine von André Malraux mit den Kennedys ausgehandelte Tournee nach Washington und New York, über anderthalb Millionen Besucher, Überfahrt in einer Erste-Klasse-Kabine auf dem Liner France; und 1974 nach Tokio und Moskau. Seitdem nicht mehr.
Die zweite Mona Lisa – im Prado
Das Madrider Prado besitzt eine Fassung, die seit dem 17. Jahrhundert in der spanischen Königssammlung verzeichnet ist und lange als mittelmäßige spätere Kopie galt.
Die Restaurierung von 2011/12 änderte alles. Unter einer schwarzen Übermalung des Hintergrunds, vermutlich aus dem 18. Jahrhundert, kam eine Landschaft zum Vorschein, identisch mit der im Louvre. Und die Infrarotreflektografie zeigte: Die Unterzeichnung enthält dieselben Korrekturen wie das Original, in derselben Reihenfolge. Fingerhaltung, Taillenkontur, Schleierrand – jede Änderung Leonardos wiederholt sich in der Madrider Tafel.
Das heißt: Der Kopist arbeitete nicht nach dem fertigen Bild, sondern neben Leonardo, während beide malten, und korrigierte seine Tafel, wann immer der Meister seine korrigierte. Als Autoren werden Salaì oder Francesco Melzi diskutiert. Der Bildträger ist Nussbaum, nicht Pappel.
Warum das wichtig ist: Die Prado-Tafel wurde 2011/12 gereinigt, die Louvre-Tafel nie. Die Madrider Farben – das Rot des Ärmels, das Lapislazuliblau der Landschaft, der rosige Hautton – kommen daher dem nahe, was Leonardo sah. 2012 wurden beide in Paris nebeneinander gezeigt. Es war das einzige Mal. Dass ein weltberühmtes Bild in mehreren Fassungen existiert – hier ein Original und eine gleichzeitig entstandene Werkstattkopie –, ist kein Einzelfall: Welche Meisterwerke es mehrfach gibt und woran man die Fassungen unterscheidet, zeigt unser Leitfaden „Welche Fassung sehen Sie?“.
Über Leonardo da Vinci
Leonardo wurde 1452 in Vinci in der Toskana geboren, als unehelicher Sohn eines Notars. Eine Universitätsbildung blieb ihm verwehrt – er machte daraus eine Freiheit. Er beobachtete, experimentierte und zeichnete unermüdlich.
Als Jugendlicher trat er in die Werkstatt des Florentiner Meisters Andrea del Verrocchio ein. Später arbeitete er für Ludovico Sforza in Mailand, für Cesare Borgia als Militäringenieur und zuletzt für den französischen König.
Er vollendete sehr wenig. Ihm werden weniger als zwanzig Gemälde zugeschrieben, mehrere davon unvollendet. Neben der Mona Lisa zählen Das Abendmahl und Die Dame mit dem Hermelin zu seinen bekanntesten Werken. Er starb 1519 in Amboise.
Vermächtnis und Einfluss
Raffael sah das Bild um 1504 in Leonardos Werkstatt und hinterließ eine Federzeichnung, die es belegt: derselbe Ausschnitt, dieselben Säulen, dieselben Hände. Seine späteren Frauenbildnisse übernehmen die Formel, und über Raffael wird die Dreiviertelansicht mit übereinandergelegten Händen zum Standard des europäischen Porträts. Wenige Jahre später gab derselbe Raffael in Der Schule von Athen dem Platon das Gesicht Leonardos.
Im 20. Jahrhundert wurde das Gemälde zum Inbegriff der Hochkultur – und damit zum idealen Ziel für Parodien. Marcel Duchamp versah 1919 eine billige Postkarte mit Schnurrbart und Kinnbart und schrieb L.H.O.O.Q. darunter – französisch ausgesprochen ein obszöner Satz. Andy Warhol vervielfältigte es 1963 in Thirty Are Better Than One, im Jahr der Amerika-Tournee.
Und eine Paradoxie: Das meistreproduzierte Gemälde der Welt ist zugleich eines der am schwersten wirklich zu sehenden. Die meisten Besucher betrachten es wenige Sekunden lang, aus mehreren Metern, durch Panzerglas und über Hunderte hochgehaltener Telefone hinweg.
Und in Deutschland?
Deutschland hat mit diesem Bild mehr zu tun als jedes andere Land außer Frankreich und Italien – denn der Nachweis, wer darauf zu sehen ist, liegt hier.
Heidelberg. Die Cicero-Ausgabe mit Vespuccis Randnotiz steht in der Universitätsbibliothek Heidelberg, Signatur D 7620 qt. INC: Epistolae ad familiares, Bologna 1477, Blatt 11a.
Wie sie dorthin kam, ist eine eigene Geschichte. Vespuccis Exemplar gelangte in den Besitz des Utrechter Philologen Johann Georg Graevius, der es für seine große Cicero-Ausgabe benutzte – die ab 1676 in Amsterdam erschien. Als Graevius 1703 starb, kaufte Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz seine rund 5000 Bände umfassende Bibliothek und schenkte einen Teil davon 1706 der Universität Heidelberg. Drei Jahrhunderte lang stand das Buch dort, ohne dass jemand die Notiz bemerkte.
Gefunden hat sie Armin Schlechter, Handschriftenspezialist der Bibliothek, beim Katalogisieren für eine Inkunabelausstellung. Publiziert wurde sie schon im Mai 2005, im Ausstellungskatalog – unbemerkt. Weltweite Schlagzeilen machte sie erst im Januar 2008, als Bibliotheksdirektor Veit Probst die erste ausführliche Analyse vorlegte.
Und es gibt einen Nachsatz, der die Sache noch besser macht. Agostino Vespucci war nicht nur Machiavellis Mitarbeiter. Leonardo ließ gelegentlich andere für sich schreiben, weil sie eine schönere Hand hatten – und der einzige im Original erhaltene Brief Leonardos, heute im Archiv der Este in Mantua, ist von Vespucci geschrieben. Derselbe Mann, der Leonardos einzigen erhaltenen Brief schrieb, hielt auch fest, wen er gerade malte.
München. Das einzige Gemälde Leonardos in Deutschland hängt in der Alten Pinakothek: die Madonna mit der Nelke, ein Frühwerk aus den 1470er Jahren, entstanden noch in der Werkstatt Verrocchios. Wer sehen will, wie Leonardo malte, bevor er Leonardo war, findet es hier. Die Alte Pinakothek wird abschnittsweise saniert – prüfen Sie vor dem Besuch, ob der Saal geöffnet ist.
Der Louvre 2025–2026: was man vor dem Besuch wissen sollte
Der Raub vom 19. Oktober 2025. Vier Täter fuhren mit einem Möbellift an ein Fenster der Galerie d’Apollon im ersten Stock des Denon-Flügels, zerschnitten das Glas mit Trennschleifern und erbeuteten in weniger als acht Minuten acht Stücke der französischen Kronjuwelen im Wert von rund 88 Millionen Euro. Es war Sonntag, das Museum war geöffnet, und es geschah rund 250 Meter von der Mona Lisa entfernt. Das Bild blieb unberührt, aber das Museum schloss drei Tage, und der Fall löste eine parlamentarische Untersuchung und ein Programm zur Sicherheitsverstärkung aus.
Streiks und Schließungen. Das Personal hat wegen Überfüllung und Arbeitsbedingungen gestreikt, und im Dezember 2025 wurde eine Galerie wegen statischer Mängel der Deckenträger geschlossen. Einzelne Säle können ohne Vorankündigung zu sein.
Preise. Seit Januar 2026 zahlen Besucher von außerhalb der EU einen höheren Eintritt; EU-Bürger zahlen den regulären Preis.
Der neue Saal. Das im Januar 2025 vorgestellte Projekt «Louvre Nouvelle Renaissance» sieht einen rund 2000 Quadratmeter großen Saal unter der Cour Carrée vor, ausschließlich für die Mona Lisa, mit eigenem Eingang und eigenem Ticket. Eröffnung frühestens um 2031. Bis dahin bleibt sie in der Salle des États.
Wo ist das Werk heute zu sehen?
Die Mona Lisa hängt im Louvre in der Salle des États, Saal 711 im Denon-Flügel, erster Stock, hinter Panzerglas in einer klimatisierten Vitrine in der Mitte der längsten Wand.
- Der Louvre ist dienstags geschlossen. Geöffnet von 9 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags bis 21:45 Uhr. Prüfen Sie die Zeiten auf der Website – sie ändern sich.
- Kaufen Sie das Ticket online mit Zeitfenster. Ohne Reservierung kann die Wartezeit zwei Stunden überschreiten, und in der Hochsaison ist das Tageskontingent ausverkauft.
- Kommen Sie zur Öffnung oder zu den Abendterminen. Ab halb elf ist der Saal voll.
- Es gibt zwei Arten, sie zu sehen. Eine Warteschlange führt in einen abgesperrten Bereich rund vier Meter vor dem Bild, wo man etwa dreißig Sekunden hat. Vom Rest des Saals, seitlich, sieht man sie länger, nur weiter entfernt. Wer schauen und nicht fotografieren will, wählt die zweite Option.
- Drehen Sie sich um. An der gegenüberliegenden Wand hängt Veroneses Hochzeit zu Kana, mit 6,77 × 9,94 Metern das größte Gemälde des Louvre, von Napoleon aus Venedig geholt. Fast niemand schaut hin.
- Auf dem Weg: weitere Leonardos – die Felsgrottenmadonna, La Belle Ferronnière, die Heilige Anna selbdritt, Johannes der Täufer. Der Louvre besitzt fünf der fünfzehn bis zwanzig Leonardo zugeschriebenen Gemälde, die größte Sammlung der Welt.
- Im selben Flügel: Delacroix‘ Die Freiheit führt das Volk und auf der Daru-Treppe die Nike von Samothrake.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist die Frau auf der Mona Lisa?
Lisa Gherardini, die Ehefrau des Florentiner Seidenhändlers Francesco del Giocondo. Das schrieb schon Vasari 1550; bestätigt wurde es durch eine Randnotiz vom Oktober 1503, die 2005 in der Universitätsbibliothek Heidelberg entdeckt wurde. Offen ist nur noch, für wen das Bild am Ende gemalt wurde – ein Zeuge von 1517 bringt es mit Giuliano de‘ Medici in Verbindung.
Wo liegt der Beweis, und kann man ihn sehen?
In der Universitätsbibliothek Heidelberg, Signatur D 7620 qt. INC, eine Cicero-Ausgabe von 1477, Blatt 11a. Das Buch kam 1706 als Schenkung des Pfälzer Kurfürsten Johann Wilhelm nach Heidelberg. Es ist ein kostbarer Frühdruck und nicht dauerhaft ausgestellt; die Bibliothek hat die Notiz jedoch publiziert und gelegentlich in Ausstellungen gezeigt.
Was bedeutet «Mona Lisa»?
Frau Lisa. Mona kommt von monna, der italienischen Verkürzung von madonna, «Dame». Gioconda ist der Familienname des Ehemanns in weiblicher Form und heißt zugleich «die Heitere».
Warum lächelt sie so?
Weil das Lächeln nicht gezeichnet, sondern nur durch weiche Schatten angedeutet ist. Das periphere Sehen liest sie als Lächeln, das zentrale, das Linien sucht, findet keins. Schaut man auf die Augen, lächelt der Mund; schaut man auf den Mund, hört er auf. Die Harvard-Neurowissenschaftlerin Margaret Livingstone erklärte das im Jahr 2000.
Folgt einem ihr Blick durch den Raum?
Nein. Forscher der Universität Bielefeld maßen 2019 die Blickrichtung und stellten fest, dass sie rund fünfzehn Grad rechts am Betrachter vorbeigeht. Ausgerechnet die Mona Lisa erzeugt den nach ihr benannten Effekt nicht.
Wurde die Mona Lisa jemals gestohlen?
Ja. Am 21. August 1911 nahm Vincenzo Peruggia, der im Louvre Schutzkästen montiert hatte, sie an einem Ruhetag von der Wand. Sie blieb über zwei Jahre verschwunden, bis er sie Ende 1913 in Florenz verkaufen wollte. Am 4. Januar 1914 hing sie wieder im Louvre. Der Diebstahl machte sie erst weltberühmt.
Gibt es eine zweite Mona Lisa?
Ja, im Prado in Madrid – eine Werkstattfassung, die neben Leonardo entstand, während er malte: Ihre Unterzeichnung wiederholt seine Korrekturen in derselben Reihenfolge. Sie wurde 2011/12 gereinigt und zeigt die ursprünglichen Farben deutlich besser als das Louvre-Original.
Gibt es Leonardo in Deutschland?
Ein Gemälde: die Madonna mit der Nelke in der Alten Pinakothek München, ein Frühwerk aus den 1470er Jahren. Und das wichtigste Dokument zur Mona Lisa: die Vespucci-Notiz in der Universitätsbibliothek Heidelberg.
Warum wird sie nicht gereinigt?
Weil die Lasuren im Gesicht nur ein bis zwei Mikrometer dick sind und jedes Lösungsmittel sie mitnehmen könnte. Der Louvre nimmt den vergilbten Firnis lieber in Kauf, als die Malschicht zu riskieren.
Wie groß ist die Mona Lisa?
77 × 53 Zentimeter. Viele Besucher sind überrascht, wie klein sie ist.
Hat Sie die Mona Lisa neugierig auf weitere Meisterwerke der Renaissance gemacht? Entdecken Sie Die Erschaffung Adams – gemalt von Leonardos großem Rivalen, der 1504 die gegenüberliegende Wand im Ratssaal bekam – oder Die Schule von Athen, in der Raffael dem Platon Leonardos Gesicht gab.
Bild: Mona Lisa – Leonardo da Vinci (um 1503–1517), Aufnahme des C2RMF. Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
