Die Nachtwache von Rembrandt: Größe, Beschnitt und die Rekonstruktion von 2021
Die Frage nach der Größe der Nachtwache hat eine überraschende Antwort: Das Bild, das heute im Rijksmuseum hängt, ist nicht das Bild, das Rembrandt gemalt hat. 1715 wurde die Leinwand an allen vier Seiten beschnitten, weil sie an ihrem neuen Platz nicht an die Wand passte. Die abgeschnittenen Streifen sind bis heute verschollen.
Wichtige Fakten
- Künstler: Rembrandt van Rijn (1606–1669)
- Jahr: 1642
- Technik: Öl auf Leinwand
- Maße heute: rund 363 × 437 cm (das Rijksmuseum gibt 379,5 × 453,5 cm an – die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle und Messweise)
- Originalformat: deutlich größer, links allein fehlen etwa 60 cm
- Auftraggeber: die Schützenkompanie von Hauptmann Frans Banninck Cocq (Kloveniers)
- Figuren: 34, darunter 18 namentlich verzeichnete Schützen
- Stilrichtung: Niederländisches Goldenes Zeitalter
- Eigentümer: Amsterdam Museum (Dauerleihgabe im Rijksmuseum)
- Standort: Rijksmuseum, Amsterdam, Ehrengalerie
Der Auftrag: ein Wettstreit an den Wänden
Um die Nachtwache zu verstehen, muss man wissen, wofür sie gemalt wurde. Ende der 1630er-Jahre errichtete Amsterdam einen prächtigen Neubau für die Kloveniers – die mit Feuerwaffen ausgerüstete Bürgerwehr der Stadt. Für den großen Festsaal, den Groote Zaal, gaben gleich mehrere Schützenkompanien bei den führenden Malern der Stadt Gruppenporträts in Auftrag: neben Rembrandt arbeiteten unter anderem Bartholomeus van der Helst, Govert Flinck und Joachim von Sandrart an der Ausstattung. Es war ein Wettstreit an den Wänden – und Rembrandt lieferte das ehrgeizigste Bild von allen.
Manche Forscher vermuten, den Anlass habe der Besuch der französischen Königinmutter Maria de‘ Medici in Amsterdam 1638 gegeben, der eine Welle repräsentativer Aufträge auslöste. Rembrandts Kompanie stand unter dem Kommando von Hauptmann Frans Banninck Cocq, einem wohlhabenden Amsterdamer Patrizier.
Wie damals üblich, zahlten die Dargestellten selbst für ihr Porträt – im Schnitt rund 100 Gulden pro Person, gestaffelt nach Prominenz und Platz im Bild. Insgesamt erhielt Rembrandt etwa 1.600 Gulden, eine beträchtliche Summe. Achtzehn Namen wurden später, wohl um 1715, auf einem gemalten Schild im Hintergrund festgehalten. Der Trommler ganz rechts gehörte nicht dazu: Ihn hatte Rembrandt kostenlos hinzugefügt.
Was die Nachtwache revolutionär macht
Die anderen Schützenstücke im Saal folgten einer bewährten Formel: Die Herren saßen oder standen ordentlich aufgereiht, gleichmäßig beleuchtet, jeder gleich gut sichtbar – schließlich hatte jeder gleich viel bezahlt. Rembrandt sprengte diese Konvention.
Statt einer Reihe von Gesichtern malte er einen Augenblick: Die Kompanie bricht auf, formiert sich, tritt unter einem Torbogen ins Freie. Banninck Cocq gibt gerade den Marschbefehl, Fähnrich, Trommler und Musketiere geraten in Bewegung, Lanzen ragen in unterschiedlichen Winkeln empor. Aus einem statischen Gruppenbild wurde ein Historienbild – Theater in Öl, getragen von einem dramatischen Wechsel aus Licht und Schatten. Nichts dergleichen hatte man je in einem Schützenstück gesehen. Genau diese Kühnheit macht die Nachtwache bis heute unvergesslich.
Wie groß ist Die Nachtwache wirklich?
Die Maße heute
In der Literatur finden sich zwei Zahlenpaare. Verbreitet ist die Angabe 363 × 437 cm; das Rijksmuseum selbst nennt 379,5 × 453,5 cm. Der Unterschied kommt daher, welche Ränder der Leinwand mitgemessen werden. Für den praktischen Eindruck ist beides gleichbedeutend: Das Bild ist über dreieinhalb Meter hoch und mehr als vier Meter breit. Man steht nicht davor, man steht darin.
Was 1715 passierte
Ursprünglich hing das Gemälde im Groote Zaal der Kloveniersdoelen, dem Versammlungsgebäude der Amsterdamer Schützengilde. 1715 wurde entschieden, es ins Stadthaus am Dam zu bringen – das heutige Königliche Palais.
Dort war die vorgesehene Wand zu klein. Also schnitt man die Leinwand zurecht. Streifen fielen an allen vier Seiten weg, der mit Abstand größte an der linken Seite: etwa 60 Zentimeter. Mit ihm verschwanden zwei Männer und ein kleiner Junge aus der Komposition. Die Stücke wurden nie wiedergefunden.
Was der Schnitt verändert hat
Das ist der eigentlich interessante Teil. Durch die Beschneidung rückten Hauptmann Frans Banninck Cocq und sein Leutnant Willem van Ruytenburch in die Bildmitte. In Rembrandts Fassung standen sie nicht mittig, sondern seitlich versetzt.
Damit war die Komposition ursprünglich unruhiger, dynamischer, weniger symmetrisch – die Gruppe schien tatsächlich aus dem Bild heraus in Bewegung zu geraten. Der Zuschnitt von 1715 hat aus einem asymmetrischen Aufbruch ein zentriertes Gruppenbild gemacht. Fast jede Reproduktion, die Sie kennen, zeigt die beschnittene Fassung.
Die Rekonstruktion von 2021
2019 startete das Rijksmuseum die „Operation Nachtwache“, ein groß angelegtes Forschungs- und Restaurierungsprojekt. Ein Teilergebnis war 2021 öffentlich zu sehen.
Grundlage war eine kleinere Kopie des Gemäldes, die Gerrit Lundens zugeschrieben wird und noch vor der Beschneidung entstand – im Auftrag von Banninck Cocq selbst. Diese Kopie hängt heute in der National Gallery in London und zeigt die vollständige Komposition, samt der später abgeschnittenen Figuren am linken Rand. Mithilfe von Scannern, Röntgenaufnahmen und mehreren hundert Digitalaufnahmen wurde ein neuronales Netz darauf trainiert, Rembrandts Farbigkeit und Pinselführung nachzubilden. Die fehlenden Streifen wurden gedruckt und rings um das Original gehängt, ohne es zu berühren.
Zum ersten Mal seit über 300 Jahren war das Bild in seinem ursprünglichen Format zu sehen. Die Panels blieben rund drei Monate hängen; im Original wird der Verlust nicht ersetzt.
Es ist einer von mehreren Fällen der letzten Jahre, in denen Technik etwas Neues über Gemälde zutage gefördert hat, die als längst erforscht galten. Hier sind die übrigen.
Der Name stimmt nicht
Das Bild zeigt keine Nacht. Es zeigt eine Tagesszene.
Der Eindruck von Dunkelheit entstand durch nachgedunkelte Firnisschichten. Erst im späten 18. Jahrhundert bürgerte sich die Bezeichnung „Nachtwache“ ein. Der eigentliche Bildtitel ist deutlich sperriger und beschreibt genau, was zu sehen ist: die Schützenkompanie des Bezirks II unter dem Kommando von Hauptmann Frans Banninck Cocq.
Worauf man vor dem Bild achten sollte
- Die beiden Hauptfiguren: Banninck Cocq in Schwarz mit roter Schärpe, daneben van Ruytenburch in leuchtendem Gelb. Denken Sie beim Betrachten mit, dass sie eigentlich weiter links stehen müssten.
- Der Schatten der Hand: Banninck Cocq streckt die linke Hand aus – ihr Schatten fällt exakt auf den gelben Rock des Leutnants. Ein winziges Detail, an dem sich Rembrandts vollkommene Beherrschung des Lichts zeigt.
- Das Mädchen im Mittelgrund: hell beleuchtet, mit einem toten Hahn am Gürtel und dem Trinkhorn der Gilde. Die Klauen des Hahns – niederländisch klauwen – sind ein Wortspiel auf die Kloveniers, die Büchsenschützen. Ob die Figur Maskottchen, Allegorie oder beides ist, bleibt ungeklärt.
- Die drei Handgriffe des Schießens: Rembrandt verteilte die Schritte des Musketengebrauchs auf verschiedene Figuren – Laden, Abfeuern, Wegblasen des Pulvers. Sie folgen genau dem berühmten Exerzierhandbuch von Jacob de Gheyn. Hinter dem Hauptmann feuert ein Mann im Helm, während ein anderer den Lauf zur Seite lenkt.
- Der Hund unten rechts: er bellt gegen den Trommler an. Ein kleines Detail, das der Szene Lärm gibt.
- Der verborgene Blick: Ganz hinten, zwischen den Fahnen, lugt ein Auge unter einer Mütze hervor. Manche halten es für ein verstecktes Selbstporträt Rembrandts.
Ein Detail werden Sie dagegen vergeblich suchen: Ursprünglich waberte eine Rauchwolke aus Pulverdampf um Banninck Cocqs Kopf. Sie ist über die Jahrhunderte vollständig verblasst.
Operation Nachtwache: was die Wissenschaft ans Licht brachte
Die digitale Rekonstruktion war nur ein Baustein eines weit größeren Vorhabens. Für die „Operation Nachtwache“ wurde das Bild ab 2019 in eine gläserne Kammer mitten in der Ehrengalerie gestellt und vor den Augen der Besucher Zentimeter für Zentimeter untersucht – das umfangreichste Forschungsprojekt, das je einem einzelnen Gemälde gewidmet wurde.
Die Zahlen sind schwindelerregend: 2022 veröffentlichte das Museum die detaillierteste Aufnahme, die je von einem Kunstwerk gemacht wurde – ein Bild aus 717 Gigapixeln mit einer Auflösung von fünf Tausendstelmillimetern. Man kann so weit hineinzoomen, dass einzelne Pigmentkörner sichtbar werden. Dutzende Scans mit Röntgenfluoreszenz, Röntgenbeugung und Spektralkameras kartierten jede chemische Schicht.
Die Befunde haben das Bild, das man von der Nachtwache hatte, verändert:
- Eine verborgene Vorzeichnung: Unter der Malschicht kam eine grobe Skizze zum Vorschein. Rembrandt legte die Komposition also in schnellen Strichen an, bevor er zu malen begann.
- Wegretuschierte Federn: Eine Figur im Hintergrund trug ursprünglich einen gefiederten Helm. Rembrandt malte die Federn später wieder weg – ein direkter Blick in seinen Entscheidungsprozess.
- Gift für den Glanz: Für den goldenen Schimmer auf van Ruytenburchs Rock verwendete Rembrandt arsenhaltige Pigmente (Pararealgar) – Farbstoffe, die man sonst für Früchte in Stillleben nutzte. In einem Porträt war das eine echte Neuerung.
- Was verloren ging: Das einst leuchtende „Smalt“-Blau ist verblasst, ein Hund hat sich verfärbt, das Gesicht eines Schützen ist von Zersetzung überzogen – und die erwähnte Rauchwolke hat sich ganz aufgelöst.
Der Mythos von der zerstörten Karriere
Über kaum ein Gemälde kursieren so viele Legenden wie über die Nachtwache. Die hartnäckigste: Das Bild habe Rembrandts Laufbahn ruiniert, weil die zahlenden Schützen empört gewesen seien, halb im Schatten oder von anderen verdeckt zu erscheinen.
Das ist eine schöne Geschichte – und historisch nicht haltbar. Sie entstand großenteils erst im 19. Jahrhundert. Tatsächlich wurde das Bild schon zu Rembrandts Zeit bewundert; sein Schüler Samuel van Hoogstraten lobte später, es stelle alle anderen Schützenstücke im Saal in den Schatten. Rembrandt erhielt auch danach bedeutende Aufträge. Seine späteren finanziellen Nöte – 1656 musste er Insolvenz anmelden – hatten andere Ursachen: ein aufwendiger Lebensstil, eine riesige Kunstsammlung und ein sich wandelnder Kunstmarkt. Mit der Nachtwache hatten sie nichts zu tun.
Was das Bild überstanden hat
Neben der Beschneidung von 1715 hat die Nachtwache einiges hinter sich. 1911 stach ein Mann mit einem Messer darauf ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von der Leinwand gerollt und in Sicherheit gebracht – zunächst in den Mergelhöhlen des Sint-Pietersberg bei Maastricht, später in einem eigens gebauten Bunker. 1975 zerschnitt ein Besucher sie mit einem Brotmesser in mehreren langen Schnitten. 1990 versprühte ein Angreifer Säure, die dank sofortigen Eingreifens nur die Firnisschicht erreichte.
Restauriert wurde jedes Mal. Die Spuren der Schnitte von 1975 sind bei genauem Hinsehen unter bestimmten Lichtverhältnissen noch erkennbar.
Besuch im Rijksmuseum
Die Nachtwache hängt am Ende der Ehrengalerie, in einer eigens für sie konzipierten Achse. Der Raum ist so angelegt, dass man das Bild schon von weitem sieht und sich ihm über die gesamte Galerie nähert – ein Effekt, den man mitnehmen sollte, statt direkt davorzutreten. Streng genommen gehört das Werk gar nicht dem Rijksmuseum, sondern der Stadt Amsterdam; es ist eine Dauerleihgabe des Amsterdam Museum.
Praktisch: Tickets online buchen, früh kommen (Öffnung um 9 Uhr), und einplanen, dass vor dem Bild fast immer Menschen stehen. In derselben Galerie hängt Vermeers Milchmädchen. Das Rijksmuseum liegt am Museumplein; Van-Gogh-Museum und Stedelijk sind fußläufig. Wer mehr über Rembrandts Arbeitsweise erfahren will, findet im Rembrandthuis in der Jodenbreestraat seine rekonstruierte Werkstatt.
Und in Deutschland?
Die Nachtwache ist ein durch und durch niederländisches Bild – und doch hat kaum eine Nation Rembrandt so leidenschaftlich für sich beansprucht wie Deutschland.
1890 erschien anonym „von einem Deutschen“ ein schmales Buch mit dem Titel „Rembrandt als Erzieher“. Der Autor, der Kunsthistoriker Julius Langbehn, machte den Holländer Rembrandt zum Inbegriff des „niederdeutschen“ Genies und zum geistigen Erzieher einer erhofften nationalen Wiedergeburt durch die Kunst. Das Werk war eine kulturpessimistische Abrechnung mit der Moderne – und ein Sensationserfolg, der in kürzester Zeit rund 40 Auflagen erlebte. Später nahm es zunehmend völkische und antisemitische Züge an und wurde von der nationalistischen Rechten vereinnahmt. Dass ausgerechnet ein Niederländer zum „deutschesten“ aller Künstler erklärt wurde, gehört zu den bemerkenswerten Ironien der Kunstgeschichte.
Zugleich stellte Deutschland die führende Rembrandt-Forschung: Wilhelm von Bode, der Baumeister der Berliner Gemäldegalerie, galt um 1900 als der bedeutendste Rembrandt-Kenner überhaupt. Wie brüchig solche Gewissheiten sind, zeigt ein berühmter Fall aus eben dieser Sammlung: „Der Mann mit dem Goldhelm“, jahrzehntelang als Rembrandts Meisterwerk gefeiert, wurde in den 1980er-Jahren vom Rembrandt Research Project als Werk eines Schülers eingestuft. Genau wie die digitale Rekonstruktion der Nachtwache erinnert das daran, dass selbst scheinbar gesicherte Zuschreibungen jederzeit neu verhandelt werden können.
Wer Rembrandt in Deutschland im Original erleben möchte, ist bestens versorgt: Die Gemäldegalerie in Berlin besitzt eine der reichsten Rembrandt-Sammlungen der Welt, die Kasseler Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe zeigt herausragende Werke aus fürstlichem Besitz, und auch die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister beherbergt bedeutende Rembrandts.
Eine Randbemerkung
1642, im selben Jahr, in dem Rembrandt dieses Bild vollendete, starb seine Frau Saskia. Es ist verlockend, beides zu verknüpfen, und viele Texte tun das auch.
Belegen lässt es sich nicht. Der Auftrag lief seit Jahren, die Komposition war lange vorher festgelegt. Was sich dagegen sagen lässt: Rembrandt lieferte hier das ehrgeizigste Schützenbild, das je gemalt wurde, und er tat es in einem Jahr, in dem sein Privatleben zusammenbrach. Die beiden Tatsachen stehen nebeneinander. Eine Verbindung dazwischen zu behaupten, wäre erfunden.
Bild: Die Nachtwache – Rembrandt (1642). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
