Der Schrei
Ein einziger Blick genügt, und man vergisst ihn nie mehr: Der Schrei – auf Norwegisch Skrik – wurde 1893 von Edvard Munch geschaffen und gilt heute als das meistgestohlene Gemälde der Welt. Zweimal wurde es aus norwegischen Museen geraubt, zweimal kehrte es zurück. Kein anderes Bild der Moderne trägt eine solche Last aus Angst, Sehnsucht und menschlicher Verletzlichkeit – und trotzdem zieht es uns immer wieder in seinen Bann.
Wichtige Fakten
- Künstler: Edvard Munch
- Jahr: 1893
- Technik: Öl, Tempera und Pastell auf Karton
- Maße: 91 × 73,5 cm
- Stilrichtung: Expressionismus
- Aktueller Standort: Nationalmuseum, Oslo
Was macht dieses Werk unvergesslich?
Der Schrei ist kein gewöhnliches Gemälde – es ist ein emotionaler Aufschrei, der direkt ins Unterbewusstsein trifft. Was Munch hier schuf, ist keine Darstellung eines äußeren Ereignisses, sondern ein innerer Zustand: pures, körperliches Entsetzen, festgehalten in Farbe und Form.
Das Besondere liegt in der universellen Sprache des Werkes. Ob man aus Oslo, Tokio oder São Paulo kommt – die verzerrte Gestalt, der weit aufgerissene Mund, der stumme Schrei sprechen jeden Menschen an. Daher wurde das Bild zum Sinnbild für existenzielle Angst schlechthin. Es überschreitet Kulturgrenzen mühelos.
Außerdem war Der Schrei seiner Zeit weit voraus. Munch malte keine Realität, sondern ein Gefühl. Diese Idee war 1893 revolutionär und ebnete den Weg für eine ganz neue Art des Sehens und Schaffens.
Historischer Kontext
Das späte 19. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs. Industrialisierung, rasantes Stadtwachstum und neue wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa durch Darwin und Freud – erschütterten das Selbstverständnis des Menschen. Viele Künstler suchten nach neuen Ausdrucksmitteln, um diese Verunsicherung zu verarbeiten.
Munch lebte in Berlin und Paris, als er Den Schrei konzipierte. Er war tief beeinflusst vom Symbolismus, wandte sich aber zunehmend von dessen dekorativer Oberfläche ab. Stattdessen interessierte ihn das Seelenleben – Schmerz, Eifersucht, Tod, Angst. Diese Themen durchziehen sein gesamtes Werk.
Der Schrei entstand außerdem kurz vor dem Durchbruch des Expressionismus als eigenständige Bewegung. Munchs Werk wirkte dabei wie ein Katalysator: Es zeigte, dass Kunst nicht abbilden, sondern fühlen lassen muss. Gruppen wie die Brücke und der Blaue Reiter griffen diese Idee wenig später begeistert auf.
Munch selbst notierte in seinem Tagebuch, wie er bei einem Spaziergang über den Osloer Fjord plötzlich ein unendliches Geschrei durch die Natur zu hören glaubte. Dieses Erlebnis – nicht eine fremde Szene, sondern sein eigener innerer Aufruhr – wurde zur Grundlage des Bildes.
Symbolik und worauf man achten sollte
Stellen Sie sich vor, Sie stehen direkt vor dem Werk. Zuerst fällt der Himmel auf: glutrote und orangefarbene Streifen, die sich wie Flammen über den Horizont wälzen. Dieser Himmel ist nicht schön – er ist bedrohlich, fast apokalyptisch. Tatsächlich glauben Wissenschaftler, dass Munch hier eine ungewöhnliche atmosphärische Erscheinung nach dem Ausbruch des Krakatau (1883) verewigt haben könnte.
Dann lenkt sich der Blick auf die zentrale Figur. Sie ist kaum noch menschlich – skelettartig, mit weit geöffnetem Mund und hohlen Augen. Die Hände pressen sich gegen die Ohren, als wolle sie den Lärm der Welt ausblenden. Dennoch schreit sie selbst – oder hört sie den Schrei der Natur?
Im Hintergrund gehen zwei dunkle Gestalten ruhig über die Brücke. Sie wirken gleichgültig, fast gespenstisch normal. Dieser Kontrast verstärkt die Isolation der Hauptfigur enorm.
Achten Sie auch auf die Linienführung: Alle Kurven im Bild – Himmel, Wasser, Landschaft – fließen dynamisch ineinander und erzeugen ein Gefühl von Schwindel und Auflösung. Es gibt kaum eine ruhige Horizontale. Alles bewegt sich, alles vibriert. Das ist kein Zufall, sondern Munchs gezieltes kompositorisches Mittel.
Über Edvard Munch
Edvard Munch wurde 1863 in Løten, Norwegen, geboren und wuchs in einer von Krankheit und Verlust geprägten Familie auf. Seine Mutter starb, als er fünf Jahre alt war; seine Schwester Sophie erlag mit fünfzehn Jahren der Tuberkulose. Diese frühen Erfahrungen mit dem Tod hinterließen tiefe Spuren in seiner Kunst.
Munch studierte in Christiania (dem heutigen Oslo) und reiste später nach Paris und Berlin, wo er entscheidende künstlerische Impulse aufnahm. Trotz oder gerade wegen seiner persönlichen Krisen – er kämpfte zeitlebens mit Depressionen und Alkoholproblemen – schuf er ein ungeheuer vielschichtiges Werk. Dazu gehören bedeutende Gemälde wie Madonna, Der Kuss und der gesamte Lebensfries-Zyklus.
Munch starb 1944 in Ekely bei Oslo und hinterließ seinen gesamten Nachlass der Stadt. Sein Einfluss auf den modernen Expressionismus ist bis heute unübertroffen.
Vermächtnis und Einfluss
Der Schrei hat die Kunstgeschichte nachhaltig verändert. Er bewies, dass ein Bild eine emotionale Wahrheit transportieren kann, die stärker wirkt als jede realistische Darstellung. Generationen von Expressionisten, von Ernst Ludwig Kirchner bis Egon Schiele, standen in seiner Schuld.
In der Popkultur ist das Werk allgegenwärtig: Andy Warhol vervielfältigte es in leuchtenden Siebdruckfarben, die Horrormaske in Scream (1996) wurde direkt von Munchs Figur inspiriert. Das Bild erscheint auf Tassen, T-Shirts, Emojis – und bleibt dabei trotzdem ein ernstes Kunstwerk.
Eine Pastell-Version des Werkes wurde 2012 bei Sotheby’s für rund 119,9 Millionen US-Dollar versteigert – damals ein Weltrekord für ein Kunstwerk bei einer Auktion. Folglich gehört Der Schrei zu den bekanntesten und wertvollsten Kunstwerken aller Zeiten.
Wo ist das Werk heute zu sehen?
Die Hauptversion des Gemäldes befindet sich im Nationalmuseum Oslo (Nasjonalmuseet), das 2022 nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wiedereröffnet wurde. Das Museum liegt zentral am Aker Brygge und ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Praktische Tipps für den Besuch: Kaufen Sie Tickets vorab online, besonders in der Hauptsaison von Juni bis August. Der Eintrittspreis für Erwachsene liegt bei rund 180 NOK. Planen Sie mindestens drei Stunden ein – das Museum beherbergt außerdem bedeutende Werke von Johan Christian Dahl und Harriet Backer.
Wer tiefer in Munchs Welt eintauchen möchte, sollte anschließend das Munch-Museum (MUNCH) im Stadtteil Bjørvika besuchen. Dort befinden sich weitere Versionen des Schreis sowie Tausende weiterer Werke aus seinem Nachlass.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Versionen von Der Schrei gibt es?
Munch schuf insgesamt vier Versionen des Motivs: zwei Gemälde, eine Zeichnung und eine Lithografie. Die bekannteste Fassung von 1893 hängt im Nationalmuseum Oslo; eine weitere befindet sich im MUNCH-Museum derselben Stadt.
Was bedeutet Der Schrei inhaltlich?
Das Werk zeigt keinen Schrei einer bestimmten Person, sondern das Erleben eines universellen Angstzustands. Munch beschrieb in seinem Tagebuch, wie er das unendliche Geschrei der Natur spürte – Der Schrei ist also ein Ausdruck innerer Erschütterung, nicht äußerer Gewalt.
Wurde Der Schrei wirklich gestohlen?
Ja, zweimal sogar. Im Jahr 1994 wurde die Version im damaligen Nationalmuseum gestohlen; 2004 entwendeten Räuber das Bild aus dem Munch-Museum. Beide Male wurde das Gemälde letztlich wiedergefunden und kehrte unbeschädigt zurück.
Warum ist Der Schrei so teuer?
Eine Pastell-Version erzielte 2012 beim Auktionshaus Sotheby’s knapp 120 Millionen US-Dollar. Der enorme Preis spiegelt die kulturelle Ikonenhaftigkeit des Werkes, seine kunsthistorische Bedeutung und die extreme Seltenheit solcher Unikate wider.
Ist Der Schrei ein expressionistisches Werk?
Ja, Der Schrei gilt als eines der frühesten und einflussreichsten Werke des Expressionismus. Obwohl der Begriff damals noch nicht gebräuchlich war, verkörpert das Gemälde alle Merkmale dieser Stilrichtung: subjektive Verzerrung, intensive Farben und den Ausdruck innerer Empfindungen.
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Bild: The Scream – Edvard Munch (1893). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.