Der Kuss – Gustav Klimt: Bedeutung, Gold & Geschichte
Der österreichische Staat kaufte Den Kuss, bevor Gustav Klimt ihn überhaupt fertig gemalt hatte. Schon 1908 – noch während der Wiener Kunstschau – sicherte sich das Kunstministerium das Bild für sagenhafte 25.000 Kronen, weil man es für national bedeutsam hielt. Vollendet hat Klimt sein goldenes Meisterwerk erst im Jahr darauf. Heute gilt Der Kuss als eines der berühmtesten Gemälde der Welt – und als Höhepunkt von Klimts „Goldener Periode“.
Wichtige Fakten
- Künstler: Gustav Klimt
- Entstehung: 1907–1908, vollendet 1909
- Technik: Öl bzw. Ölharzfarben auf Leinwand, mit Blattgold, Blattsilber und Blattplatin
- Maße: 180 × 180 cm
- Erstpräsentation: Kunstschau Wien 1908, unter dem Titel „Liebespaar“
- Stilrichtung: Art Nouveau / Wiener Jugendstil
- Aktueller Standort: Belvedere, Wien
Was macht dieses Werk unvergesslich?
Der Kuss ist kein gewöhnliches Liebespaar-Porträt. Klimt löst die Körper der beiden Menschen fast vollständig in ornamentale Muster auf. Man sieht kaum Gesichter, kaum Hände – und doch spürt man die Intensität des Moments sofort.
Das Gemälde verschmilzt Figur und Fläche auf eine Weise, die bis dahin kaum jemand gewagt hatte. Das Paar kniet am Rand einer Blumenwiese, eingehüllt in eine goldene Gloriole, die es von der Welt abschirmt. Diese Grenze zwischen Realität und Traum macht Der Kuss so zeitlos fesselnd.
Außerdem ist das Werk quadratisch – ein bewusster Bruch mit der klassischen Bildkomposition. Klimt schafft damit einen geschlossenen, meditativen Raum, der den Betrachter vollständig einhüllt.
Wien um 1900: vom Skandalkünstler zur Staatsikone
Um zu verstehen, warum der Ankauf des Kusses eine kleine Sensation war, muss man wissen, wie umstritten Klimt kurz zuvor noch gewesen war. Wien brodelte um 1900 vor künstlerischer Energie: Die Wiener Secession, die Klimt 1897 mitgegründet hatte, wandte sich gegen die steifen Akademien und öffnete die Kunst für Einflüsse aus Japan und Byzanz. Zugleich veröffentlichte Sigmund Freud in derselben Stadt seine Studien über das Unbewusste – und Klimt antwortete mit Bildern, in denen Sinnlichkeit offen gezeigt wurde.
Das trug ihm heftige Angriffe ein. Seine Deckengemälde für die Universität Wien – „Philosophie“, „Medizin“ und „Jurisprudenz“ – wurden als anstößig, ja pornografisch verurteilt. Klimt zog die Bilder schließlich zurück und gab das Honorar zurück (die Werke verbrannten 1945 im Schloss Immendorf). 1905 verließ er im Streit die Secession und gründete mit Gleichgesinnten die „Klimt-Gruppe“.
Deren große Bühne wurde die von Klimt organisierte, von Josef Hoffmann gestaltete Kunstschau 1908. Hier präsentierte er Den Kuss – noch unter dem Titel „Liebespaar“ – als Höhepunkt eines eigenen Saals. Das Publikum war überwältigt, und das Kunstministerium (unter Minister Gustav Marchet) griff sofort zu: Es erwarb das Bild für 25.000 Kronen für die neu gegründete Moderne Galerie, das heutige Belvedere. Bemerkenswert ist das Timing – die Ankaufsentscheidung fiel bereits im Juli 1908, während Klimt das Werk erst im Juli 1909 endgültig vollendete. Den Titel „Der Kuss“ erhielt es überhaupt erst in einem Katalognachtrag von 1909.
Gold, Byzanz und ein Goldgraveur als Vater
Der Kuss markiert den Gipfel von Klimts „Goldener Periode“. Das Gold ist dabei kein bloßer Effekt, sondern hat mehrere Wurzeln. Klimts Vater Ernst war Goldgraveur; der Umgang mit Edelmetall lag der Familie im Blut. Entscheidend war zudem eine Reise nach Ravenna im Jahr 1903, wo Klimt die byzantinischen Mosaiken von San Vitale sah – jene flächigen, goldgrundigen Bildwelten, in denen menschliche Figuren zu leuchtenden Ikonen werden.
Technisch ging Klimt weit über gewöhnliche Ölmalerei hinaus. Für die Gewänder und die Gloriole verwendete er echtes Blattgold, Blattsilber und sogar Blattplatin; der Hintergrund besteht aus Schlagmetall (Messing), über das er Lasuren legte und Metallflocken streute. So entsteht ein Bild, das im Licht flimmert wie ein Reliquiar – halb Gemälde, halb Goldschmiedearbeit.
Symbolik und worauf man achten sollte
Wenn Sie vor dem Kuss stehen, beginnen Sie mit dem Gold. Es schimmert und verändert sich mit dem Standpunkt, sodass das Bild fast lebendig wirkt.
Achten Sie dann auf die Ornamente der Gewänder – hier steckt Klimts Bildlogik. Das Gewand des Mannes trägt strenge, rechteckige Muster in Schwarz, Weiß und Silber; das Kleid der Frau ist mit runden Formen und bunten Blüten übersät. Das eine wirkt kantig und aktiv, das andere organisch und weich – ein Sinnbild für die Verbindung und Ergänzung der Geschlechter. Den Mann krönt ein Kranz aus Ranken, die Frau trägt Blumen im Haar.
Sehen Sie genau auf den Kopf der Frau: Ihre Augen sind geschlossen, das Gesicht ist ihm entgegengedreht – und streng genommen küsst der Mann gar nicht ihre Lippen, sondern ihre Wange. Der berühmteste Kuss der Kunstgeschichte ist eigentlich ein Kuss knapp daneben. Auch ihre Haltung bleibt vieldeutig: Hingabe, Entrückung oder ein leises Zögern? Klimt lässt es offen.
Und schließlich der Rand: Das Paar kniet am äußersten Saum einer Blumenwiese, die Zehen der Frau krümmen sich über einen Abgrund. Die Wiese erdet die beiden in der Natur, während die Gloriole sie ins Zeitlose hebt. So verbindet Der Kuss das Irdische mit dem Göttlichen – auf wunderbar elegante Weise.
Der Kuss vor dem Kuss
Das Motiv fiel Klimt nicht plötzlich zu. Die umschlungene, sich küssende Paargruppe zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Schon 1895 malte er „Liebe“ (heute Wien Museum) und wählte darin den Moment kurz vor der Berührung. Rund zehn Jahre später kehrte das Motiv monumental wieder: im Stoclet-Fries für das Brüsseler Palais Stoclet, dessen zentrale Szene „Die Erfüllung“ ein eng umschlungenes Paar zeigt.
Der Kuss von 1908 ist gewissermaßen die Summe dieser Versuche – die endgültige, ins Ikonische gesteigerte Fassung eines Bildgedankens, an dem Klimt über ein Jahrzehnt gearbeitet hatte.
Wer sind die Liebenden?
Die Identität des Paares ist nicht dokumentiert – und gerade das befeuert die Spekulation. Am häufigsten wird vermutet, Klimt habe sich selbst und seine langjährige Gefährtin Emilie Flöge dargestellt, die in Wien ein renommiertes Modesalon führte und mit der ihn eine der wichtigsten Beziehungen seines Lebens verband. Andere Deutungen bringen die Komponistengattin Alma Mahler oder das Modell „die rote Hilde“ ins Spiel. Belegen lässt sich keine dieser Zuschreibungen. Vieles spricht dafür, dass Klimt bewusst kein Porträt schuf, sondern ein allgemeingültiges Bild der Liebe.
Über Gustav Klimt
Gustav Klimt wurde 1862 in Baumgarten bei Wien geboren. Sein Vater war Goldgraveur – kein Zufall, dass Gold später eine so große Rolle in seinem Werk spielen sollte. Klimt studierte an der Wiener Kunstgewerbeschule und begann als gefragter Dekorationsmaler, der Theater und Prunkbauten ausstattete.
Doch er wollte mehr. 1897 gründete er die Wiener Secession, brach mit dem Kunstestablishment und entwickelte einen völlig eigenen Stil, der Symbolismus, Jugendstil und byzantinische Einflüsse verschmolz. Klimt lebte zurückgezogen, aber intensiv, unterhielt zahlreiche Beziehungen und ließ sich immer wieder von Frauen wie Emilie Flöge inspirieren.
Sein Werk blieb bis zu seinem Tod produktiv: 1918 starb Klimt in Wien an den Folgen eines Schlaganfalls, zusätzlich geschwächt von der grassierenden Spanischen Grippe. Der Kuss gilt bis heute als sein vollkommenstes Meisterwerk.
Vermächtnis und Einfluss
Kaum ein anderes Gemälde wurde häufiger reproduziert. Das Motiv erscheint auf Postern, Tassen, Schmuck und Textilien in aller Welt – und behauptet dabei seltsamerweise seine Würde. 2022 verkaufte das Belvedere sogar 10.000 digitale Teilstücke des Kusses als NFTs zu je 1.850 Euro; ein kurioses Kapitel moderner Bildvermarktung.
Künstlerisch ebnete das Werk den Weg für den Expressionismus. Klimts jüngerer Weggefährte Egon Schiele übernahm die Freizügigkeit, steigerte sie jedoch ins Rohe und Verstörende; Oskar Kokoschka, der 1908 auf ebenjener Kunstschau debütierte, entwickelte auf ähnliche Weise seinen kraftvollen, nervösen Stil.
Darüber hinaus inspirierte Der Kuss Generationen von Designern, Illustratoren und Filmemachern. Die Verbindung von dekorativem Muster und menschlicher Emotion bleibt bis heute ein lebendiges Erbe der Moderne.
Und in Deutschland?
Man übersieht es leicht, aber der berühmteste Kuss der Malerei hat eine tief deutsche Vorgeschichte – und sie führt über die Musik. 1902 schuf Klimt für die 14. Ausstellung der Wiener Secession den monumentalen Beethovenfries, ein Gesamtkunstwerk rund um die Beethoven-Skulptur des deutschen Bildhauers Max Klinger.
Die Schlusswand dieses Frieses trägt den Titel „Diesen Kuss der ganzen Welt“. Sie zeigt ein eng umschlungenes, sich küssendes Paar vor einem Chor von Engeln – und bezieht sich direkt auf den Schlusschor von Beethovens 9. Symphonie, vertont nach Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ („Freude, schöner Götterfunken … Diesen Kuss der ganzen Welt“). Dieses umschlungene Paar ist der unmittelbare Vorläufer des Kusses. Anders gesagt: Das Bild, das heute die Liebe schlechthin symbolisiert, entstand aus einem Vers eines deutschen Dichters, vertont von einem deutschen Komponisten.
Auch der Name der Bewegung ist deutsch: Der Begriff „Jugendstil“ leitet sich von der 1896 in München gegründeten Zeitschrift „Jugend“ ab. Klimt selbst stellte wiederholt in Deutschland aus, unter anderem bei der Berliner Secession, und galt dort früh als Leitfigur der Moderne.
Wer Klimt in Deutschland im Original sehen möchte, sollte allerdings wissen, dass die großen Werke fast alle in Wien geblieben sind. Das bedeutendste Klimt-Gemälde in deutschem Besitz ist das „Bildnis Margaret Stonborough-Wittgenstein“ (1905) – ein Porträt der Schwester des Philosophen Ludwig Wittgenstein –, das den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München (Neue Pinakothek) gehört.
Wo ist das Werk heute zu sehen?
Das Original hängt im Oberen Belvedere in Wien, Prinz-Eugen-Straße 27 im 3. Bezirk, bequem mit Straßenbahn oder Bus erreichbar. Der Kuss ist dauerhaft in der Sammlung ausgestellt; es empfiehlt sich, Tickets vorab online zu kaufen, da die Wartezeiten in der Hochsaison lang sein können.
Im selben Haus hängen weitere Meisterwerke Klimts, darunter „Judith I“. Wer den erwähnten Beethovenfries im Original erleben will, findet ihn dauerhaft im Untergeschoss des Secessionsgebäudes. Und wer tiefer in die Wiener Moderne eintauchen möchte, besucht anschließend das Leopold Museum im MuseumsQuartier mit seinen bedeutenden Werken von Egon Schiele.
Häufig gestellte Fragen
Wer sind die Personen auf „Der Kuss“?
Die Identität des Paares ist nicht belegt. Viele Kunsthistoriker vermuten Klimt selbst und seine Gefährtin Emilie Flöge; andere denken an Alma Mahler oder das Modell „die rote Hilde“. Gesichert ist keine dieser Deutungen.
Küssen sich die beiden überhaupt?
Nicht ganz so, wie der Titel vermuten lässt. Der Mann berührt mit den Lippen die Wange der Frau, nicht ihren Mund. Der Titel „Der Kuss“ entstand ohnehin erst 1909 nachträglich; ausgestellt wurde das Bild zunächst als „Liebespaar“.
Warum verwendete Klimt Gold in dem Gemälde?
Klimt ließ sich von byzantinischen Mosaiken (etwa in Ravenna) und japanischer Kunst inspirieren. Gold steht für Ewigkeit und Göttlichkeit. Außerdem war sein Vater Goldgraveur, was früh eine tiefe Faszination für das Material weckte.
Wie groß ist „Der Kuss“ wirklich?
Das Gemälde ist quadratisch und misst 180 × 180 Zentimeter. Es wirkt dadurch monumental – fast wie ein Altar- oder Andachtsbild.
Wann wurde „Der Kuss“ zum ersten Mal ausgestellt?
Das Werk wurde 1908 auf der Wiener Kunstschau unter dem Titel „Liebespaar“ erstmals gezeigt. Der österreichische Staat kaufte es noch während der Ausstellung – obwohl Klimt es erst 1909 vollendete.
Gehört „Der Kuss“ zur Art Nouveau?
Ja, das Gemälde gilt als Hauptwerk des Jugendstils, wie die Art Nouveau im deutschsprachigen Raum heißt. Organische Ornamente, dekoratives Flächenmuster und die Verbindung von Kunst und Handwerk sind typische Merkmale dieser Stilrichtung.
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Bild: The Kiss – Gustav Klimt (1908). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
