Kleine Tänzerin von vierzehn Jahren – Degas: Skandal & Deutung
Der Skandal war so groß, dass Degas nie wieder eine Skulptur öffentlich zeigte: Die Kritiker von 1881 nannten die Kleine Tänzerin „hässlich“, „ein Kind des Lasters“, ihr Gesicht „von Sünde gezeichnet“. Und noch etwas überrascht: Das Original ist kein Bronzeguss, sondern eine Figur aus pigmentiertem Wachs mit echten Haaren, einem echten Mieder und einem Tüllrock – in einer Glasvitrine ausgestellt wie ein Präparat. Alle Bronzen entstanden erst nach Degas‘ Tod.
Wichtige Fakten
- Künstler: Edgar Degas
- Entstehung: 1878–1881 (Wachsoriginal); Bronzegüsse ab ca. 1920
- Original: pigmentiertes Bienenwachs mit echtem Haar, Mieder, Tüllrock und Ballettschuhen
- Maße: Höhe ca. 98 cm
- Modell: Marie van Goethem, Schülerin des Pariser Opernballetts
- Stilrichtung: Impressionismus (Realismus)
- Aktueller Standort: Wachsoriginal: National Gallery of Art, Washington; Bronzen u. a. im Musée d’Orsay, Paris
Was macht dieses Werk unvergesslich?
Die Kleine Tänzerin von vierzehn Jahren ist keine gewöhnliche Skulptur. Degas kombinierte echte Materialien – eine Perücke aus menschlichem Haar mit Seidenband, ein Leinenmieder, einen Tüllrock und Ballettschuhe – mit der modellierten Wachsfigur. Haar, Mieder und Schuhe überzog er teilweise mit Wachs, um sie mit dem Körper zu verschmelzen. Das war im 19. Jahrhundert ein radikaler Tabubruch: eine „angezogene“ Statue, ausgestellt in einer Glasvitrine wie ein anatomisches Präparat.
Das Modell war ein reales Kind: Marie van Goethem, Tochter eines belgischen Schneiders und einer Wäscherin, ausgebildet an der Tanzschule der Pariser Oper. Degas zeigte also keine idealisierte Göttin, sondern ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, das hart für seine Kunst arbeitete. Genau das machte das Publikum nervös.
Und noch etwas ist entscheidend: Zu Lebzeiten goss Degas die Figur nie in Bronze. Das Wachsoriginal blieb bis zu seinem Tod 1917 in seiner Wohnung. Erst danach ließ die Familie durch die Gießerei Hébrard rund zwei bis drei Dutzend Bronzeabgüsse anfertigen – die berühmten Fassungen, die wir heute in den Museen sehen, sind also posthume Übersetzungen eines fragilen Wachsmodells.
Historischer Kontext
Paris um 1880 war ein Schmelztiegel des Wandels, und die Kunstwelt erlebte eine Revolution: Die Impressionisten hatten sich vom akademischen Salon losgesagt und stellten unabhängig aus. Degas zeigte die Kleine Tänzerin bei der sechsten Impressionisten-Ausstellung im Frühjahr 1881 – es blieb die einzige Skulptur, die er je öffentlich präsentierte. Der Eklat war so groß, dass er es bei diesem einen Mal beließ.
Die Reaktionen waren heftig und verraten viel über die Zeit. Kritiker fanden die Figur nicht nur „hässlich“, sie lasen ihr Gesicht regelrecht wie ein Verbrechen: In Anlehnung an die damals populäre Physiognomik und die Kriminologie Cesare Lombrosos deuteten sie die „gezeichneten“ Züge als Zeichen angeborener Verderbtheit. Der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans hingegen erkannte die Sprengkraft und schrieb, der „schreckliche Realismus“ dieser Statuette bringe alle herkömmlichen Vorstellungen von Skulptur zum Einsturz.
Dahinter steht eine soziale Realität: Viele Ballettschülerinnen der Oper stammten aus armen Familien, die „petits rats“. Wohlhabende „Abonnenten“ hatten Zutritt zu den Proberäumen und Kulissen – ein Milieu, in dem junge Tänzerinnen sexueller Anbahnung ausgesetzt waren. Marie van Goethem stand symbolisch für eine ganze Schicht, die kaum Macht über ihr eigenes Schicksal hatte. Sie selbst wurde wenig später von der Oper entlassen; ihre weitere Spur verliert sich.
Symbolik und worauf man achten sollte
Achten Sie zuerst auf die Haltung: Kinn und Kopf leicht zurückgeworfen, die Arme straff hinter dem Rücken verschränkt, die Füße in einer Ballettposition (nahe der vierten Position). Das strahlt keine Eleganz aus, sondern wirkt trotzig, angespannt, fast herausfordernd – ein Kind, das durch seine Übung getrieben wird, nicht engelhaft posiert.
Beobachten Sie das Gesicht: grob, fast roh modelliert, mit vorgeschobenem Kinn und halb geschlossenen Augen. Degas idealisierte bewusst nicht – Sie sehen ein echtes Kindergesicht mit einem schwer deutbaren Ausdruck zwischen Stolz und Resignation.
Der Tüllrock verdient besondere Aufmerksamkeit: Er ist echter Stoff, kein Guss, und wird in vielen Museen regelmäßig erneuert – von Haus zu Haus fällt er unterschiedlich aus. So bleibt die Skulptur dauerhaft mit der vergänglichen, realen Welt verbunden. Gehen Sie um die Figur herum: Von hinten wirkt die Haltung fast militärisch, von der Seite zeigt sich die gespannte Linie einer arbeitenden Tänzerin. Jede Perspektive erzählt eine andere Geschichte.
Über Edgar Degas
Edgar Degas wurde 1834 in Paris in eine wohlhabende Bankiersfamilie geboren und erhielt eine klassische Kunstausbildung, brach aber früh mit akademischen Konventionen. Bekannt ist er vor allem für seine Tänzerinnen, Jockeys und Badenden – siehe etwa seine Tanzstunde.
Er arbeitete mit Pastell, Öl und, oft im Verborgenen, mit Skulptur: Nach seinem Tod fanden sich in seinem Atelier rund 150 Wachs- und Tonfiguren, meist Tänzerinnen und Pferde – die Kleine Tänzerin war die einzige, die er je ausstellte. Degas stellte mit den Impressionisten aus, betonte aber seine Eigenständigkeit und nannte sich „Realist“: Statt Freilichtmalerei beobachtete er das moderne Stadtleben in Innenräumen – Theater, Cafés, Wäschereien. Sein Blick war scharf, manchmal kalt und stets ehrlich. Er starb 1917 in Paris, fast erblindet.
Und in Deutschland?
Degas‘ plastisches Werk wurde in Deutschland früh ernst genommen. Der Berliner Galerist Paul Cassirer und Museumsleute wie Hugo von Tschudi machten die französischen Impressionisten hierzulande bekannt, als sie andernorts noch umstritten waren. Bis heute besitzen deutsche Häuser Bronzen der Kleinen Tänzerin und andere Werke Degas‘; das Städel Museum in Frankfurt etwa zeigt einen Abguss der berühmten Tänzerin, und die Alte Nationalgalerie in Berlin bewahrt Arbeiten des Künstlers.
Zugleich traf Degas‘ schonungsloser Realismus einen Nerv, den bald darauf die deutsche Kunst selbst aufgriff. Die Verbindung von echten Materialien mit der Menschenfigur, der unsentimentale Blick auf Körper und soziale Wirklichkeit, weisen voraus auf das, was Bildhauer und Maler der Moderne – von der plastischen Avantgarde bis zur Neuen Sachlichkeit eines Otto Dix – wenige Jahrzehnte später in Deutschland radikalisierten. Die Kleine Tänzerin steht am Anfang jener Linie, die Kunst und ungeschönte Wirklichkeit zusammenbrachte.
Vermächtnis und Einfluss
Die Kleine Tänzerin gilt heute als eine der wichtigsten Skulpturen des 19. Jahrhunderts. Sie öffnete die Tür zu einer neuen figurativen Plastik – roh, direkt, ohne sentimentale Beschönigung – und nahm mit ihren „echten“ Materialien die Mixed-Media- und Assemblage-Kunst des 20. Jahrhunderts vorweg.
Auch in der Populärkultur lebt die Figur weiter: Sie inspirierte Romane sowie das Broadway-Musical „Little Dancer“ (2014) über das Leben von Marie van Goethem. Vor allem aber regt sie bis heute Debatten an – über Kindheit, Armut, die Ausbeutung junger Tänzerinnen und den männlichen Blick auf den weiblichen Körper. Dass eine Statuette von 1881 diese Fragen noch immer so scharf stellt, macht ihre bleibende Kraft aus.
Wo ist das Werk heute zu sehen?
Wichtig zu wissen: Es gibt nicht „das eine“ Werk, sondern ein Wachsoriginal und viele Bronzen. Das Wachsoriginal von 1881 steht heute in der National Gallery of Art in Washington, D.C. – dort ist es sogar neben einer nackten Vorstudie derselben Figur zu sehen. Die zahlreichen posthumen Bronzeabgüsse sind über die Welt verteilt, etwa im Musée d’Orsay in Paris, im Metropolitan Museum in New York und in der Tate in London.
Die Pariser Bronze hängt – bzw. steht – im Musée d’Orsay im ehemaligen Bahnhof Gare d’Orsay am linken Seineufer (Métro Linie 12, Station Solférino, oder RER C). Am ruhigsten ist ein Besuch am Donnerstagabend bei verlängerter Öffnung. In der Nähe finden sich weitere Werke Degas‘ sowie Meisterwerke von Monet, Renoir und Van Gogh.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Marie van Goethem?
Eine belgischstämmige Ballettschülerin der Pariser Oper, geboren um 1865, Tochter eines Schneiders und einer Wäscherin. Sie und ihre Schwestern arbeiteten als Tänzerinnen und Modelle. Marie wurde wenig später von der Oper entlassen; über ihr weiteres Leben ist so gut wie nichts bekannt.
Ist die Skulptur aus Bronze oder Wachs?
Das Original von 1881 ist aus pigmentiertem Bienenwachs, mit echtem Haar und echter Kleidung – heute in Washington. Alle bekannten Bronzen entstanden erst nach Degas‘ Tod, um 1920, durch die Gießerei Hébrard.
Warum war die Skulptur so umstritten?
Die Kombination aus echten Textilien, ungeschöntem Realismus und dem Thema eines armen Arbeiterkindes schockierte das bürgerliche Publikum. Kritiker nannten die Figur „hässlich“ und deuteten ihr Gesicht sogar als Zeichen angeborener Verderbtheit – ein Echo damaliger physiognomischer Vorurteile.
Wie viele Exemplare existieren?
Es gibt das eine Wachsoriginal sowie mindestens 28 posthume Bronzeabgüsse (plus einige Gipsfassungen), verteilt auf Museen weltweit – darunter Washington, Paris, New York und London.
Hat Degas noch andere Skulpturen geschaffen?
Ja – rund 150, die aber erst nach seinem Tod im Atelier gefunden und teils in Bronze gegossen wurden. Die Kleine Tänzerin war die einzige Skulptur, die Degas zu Lebzeiten öffentlich ausstellte.
Hat Sie die Kleine Tänzerin fasziniert? Dann entdecken Sie auf unserer Seite weitere Meisterwerke des Impressionismus und die Welt von Edgar Degas – etwa seine Tanzstunde.
Bild: Kleine Tänzerin von vierzehn Jahren – Edgar Degas (Wachs 1878–1881; Bronzeguss posthum). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
