The Dance Class by Edgar Degas, 1874

Die Tanzstunde – Degas: Deutung, Perrot & zwei Fassungen

Der Mann in der Bildmitte war ursprünglich gar nicht da: Degas malte zuerst eine Tänzerin mit Fächer an dieser Stelle – und übermalte sie später mit dem Porträt des realen Ballettmeisters Jules Perrot, der mit seinem Stock den Takt auf den Boden schlägt. „Die Tanzstunde“ existiert zudem in zwei fast gleichen Fassungen; die eine hängt in New York, die andere in Paris. Beide zeigen keinen Bühnenglanz, sondern den erschöpften Alltag hinter den Kulissen.

Wichtige Fakten

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Die Tanzstunde ist kein Lobgesang auf den Glamour des Balletts. Degas zeigt stattdessen Ermüdung, Ablenkung und Disziplin zugleich: Einige Tänzerinnen strecken sich, andere stehen gelangweilt herum, eine kratzt sich beiläufig den Rücken, eine andere zupft an ihrer Halsschleife. Das ist radikal ehrlich – und deshalb so mitreißend.

Während viele Zeitgenossen die Bühne verherrlichten, interessierte Degas das Davor und Danach. So wirkt das Bild wie ein gestohlener Blick durch eine Tür, die eigentlich verschlossen sein sollte. Der Betrachter wird ungewollt zum stillen Zeugen.

Zudem bricht das Werk mit der klassischen Bildkomposition. Rund zwei Dutzend Frauen – Ballerinen und ihre Mütter – verteilen sich unregelmäßig im Raum, während in der Mitte eine Tänzerin eine „attitude“ für ihre Prüfung zeigt. Es gibt keine dominante Hauptfigur; das erzeugt eine lebendige, fast fotografische Unmittelbarkeit.

Historischer Kontext

1874 ist ein Schlüsseljahr der Kunstgeschichte: In diesem Jahr zeigten Degas und seine Mitstreiter – darunter Monet und Renoir – ihre erste gemeinsame Ausstellung in Paris. Die Kritiker spotteten, doch die Impressionisten schrieben Geschichte. Das Gemälde selbst wurde zwei Jahre später, 1876, auf der zweiten Impressionisten-Ausstellung gezeigt.

Bemerkenswert ist der Ort der Szene: ein Übungssaal der alten Pariser Oper in der Rue Le Peletier – die allerdings 1873 abgebrannt war. Degas malte also einen Raum, den es so nicht mehr gab. An der Wand hängt ein Plakat für Rossinis Oper „Wilhelm Tell“ – eine versteckte Hommage an den Sänger Jean-Baptiste Faure, der das Bild in Auftrag gab und es 1876 für die Ausstellung verlieh.

Hinter der glänzenden Fassade des Opernbetriebs arbeiteten junge Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen hart für wenig Geld – die „petits rats“ der Oper. Degas zeigt genau diese Realität. So ist die Tanzstunde nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein soziales Dokument seiner Zeit.

Der Ballettmeister in der Mitte

Das Herz beider Fassungen ist der silberhaarige Mann in der Bildmitte: Jules Perrot, eine reale Legende. In den 1830er- und 1840er-Jahren war er einer der größten Tänzer und Choreografen Europas – die Ballette „Giselle“ und „Pas de Quatre“ tragen seine Handschrift. Als Degas ihn malte, war Perrots Zeit an der Pariser Oper längst vorbei; sein Vertrag war nicht verlängert worden.

Umso bedeutungsvoller ist eine Entdeckung der Konservatoren: Röntgenaufnahmen der Pariser Fassung zeigen, dass Degas dort ursprünglich eine junge Tänzerin mit Fächer in den Vordergrund gesetzt hatte, die den Betrachter anblickt, während der Tanzmeister von hinten zu sehen war. Erst in der Überarbeitung ersetzte Degas die Fächer-Tänzerin und rückte das Porträt Perrots ins Zentrum – aus dem Bild wurde so eine stille Hommage an den vergessenen Meister. Perrot stützt sich auf seinen langen Stock, mit dem er den Takt auf den Boden schlägt.

Symbolik und worauf man achten sollte

Folgen Sie diesem Blickpfad: Beginnen Sie beim weichen, diffusen Licht, das die weißen Tüllröcke fast zum Leuchten bringt. Achten Sie dann auf den Boden – das helle, im Fluchtpunkt zusammenlaufende Parkett. Der Dichter Paul Valéry schrieb, Degas sei einer der wenigen Maler, die dem Fußboden seine wahre Bedeutung gaben. Das passt perfekt: Der Parkettboden wurde befeuchtet, damit die Tänzerinnen nicht ausrutschten – er ist ihr wichtigstes Arbeitsgerät.

Beachten Sie die Körpersprache: Keine der Tänzerinnen steht in klassischer Ballettpose, viele wirken erschöpft oder gedankenverloren, kaum eine schaut wirklich auf Perrot. Diese Beiläufigkeit war damals revolutionär – Degas urteilt nicht, er beobachtet. Und achten Sie auf kleine Details: die roten und blauen Schleifen im Haar und an den Taillen, die grüne Gießkanne am Boden, den kleinen Hund, das lässig hingeworfene Tuch.

Die Farbpalette dominieren zarte Rosa-, Weiß- und Cremetöne, unterbrochen von dunklen Akzenten der Kleidung und Möbel und punktuell aufblitzenden Farbschleifen. Das ergibt eine harmonische, fast atemlose Stimmung.

Über Edgar Degas

Edgar Degas wurde 1834 in Paris in eine wohlhabende Familie geboren. Er studierte die klassische Malerei und verehrte zunächst Ingres, wandte sich aber bald dem modernen Leben zu – und fand sein Thema: die Bewegung des menschlichen Körpers.

Degas malte Rennpferde, Wäscherinnen, Café-Besucherinnen – vor allem aber Tänzerinnen. Rund die Hälfte seines Werks zeigt Ballett, festgehalten in neuartigen Bildausschnitten und ungewöhnlichen Perspektiven, geschult am Blick der Fotografie. Er stellte mit den Impressionisten aus, betonte aber stets seine Eigenständigkeit und nannte sich lieber „Realist“: Er arbeitete meist im Atelier statt en plein air und legte mehr Wert auf die Zeichnung als auf spontane Lichteffekte. Degas starb 1917 in Paris, fast erblindet, aber bis zuletzt kreativ.

Und in Deutschland?

Degas wurde in Deutschland früh und mit Nachdruck gesammelt. Hugo von Tschudi machte die Berliner Nationalgalerie ab 1896 zum ersten Museum der Welt, das französische Impressionisten für eine öffentliche Sammlung ankaufte – gegen den Widerwillen Kaiser Wilhelms II. –, und der Berliner Galerist Paul Cassirer machte Degas dem deutschen Publikum bekannt. Bis heute besitzen deutsche Häuser bedeutende Werke des Künstlers: Die Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt Degas‘ Pastell „Im Wintergarten“, die Hamburger Kunsthalle und das Museum Barberini in Potsdam bewahren weitere Arbeiten, gerade auch aus der Welt des Balletts.

Auch künstlerisch fiel Degas‘ Blick hinter die Kulissen in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Max Liebermann, der Vorreiter des deutschen Impressionismus, bewunderte die französischen Kollegen und übertrug ihre Beobachtung des modernen Alltags – Arbeit, Freizeit, Bewegung – auf deutsche Motive. So wirkt Degas‘ unsentimentaler, fast soziologischer Blick auf die arbeitende Tänzerin bis in die Berliner Moderne hinein.

Vermächtnis und Einfluss

Die Tanzstunde hat die Wahrnehmung des Balletts in der bildenden Kunst dauerhaft verändert. Zuvor galt das Ballett als Inbegriff von Schönheit und Anmut – zu schön für kritische Beobachtung. Degas öffnete den Blick für die menschliche Seite dahinter: die Anstrengung, die Langeweile, die Erschöpfung.

Sein Einfluss reicht bis in Fotografie und Film. Der scheinbar zufällige Bildausschnitt, das Anschneiden von Figuren am Rand, der beobachtende „Schnappschuss“-Blick – all das nahm die Bildsprache der modernen Reportagefotografie vorweg, etwa bei Henri Cartier-Bresson. Und Degas‘ schonungslose Milieuschilderung wirkt bei Henri de Toulouse-Lautrec direkt weiter.

Heute gehört die Tanzstunde zu den meistreproduzierten Bildern der westlichen Kunst und erscheint auf Postern, Tassen und in Lehrbüchern – ein Zeichen ihrer ungebrochenen kulturellen Kraft.

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Die New Yorker Fassung der Tanzstunde hängt im Metropolitan Museum of Art („The Met“) an der Fifth Avenue in Manhattan, zuletzt in Saal 815 der Abteilung für europäische Malerei. Das Museum kam 1986 durch das Vermächtnis von Mrs. Harry Payne Bingham in ihren Besitz.

Praktische Tipps: Öffnungszeiten und Ruhetage prüfen Sie am besten vorab auf der Website; am ruhigsten ist ein Besuch früh am Morgen. In der Nähe hängen weitere Meisterwerke des Impressionismus von Monet, Renoir und Cézanne – ein Besuch lohnt sich für den ganzen Vormittag.

Wichtig zu wissen: Es gibt eine fast identische Schwesterfassung, „La Classe de danse“ (1873–1876), im Musée d’Orsay in Paris. Wer beide vergleichen möchte, muss also über den Atlantik reisen – doch gerade der Vergleich zeigt, wie Degas dasselbe Motiv zweimal neu durchdachte. Dass ein Künstler dasselbe Bild in zwei fast identischen Fassungen schuf, ist kein Einzelfall: Welche berühmten Werke es mehrfach gibt und woran man die Fassungen unterscheidet, zeigt unser Leitfaden „Welche Fassung sehen Sie?“.

Häufig gestellte Fragen

Was zeigt Die Tanzstunde von Degas genau?

Eine Gruppe junger Balletttänzerinnen und ihrer Mütter am Ende einer Unterrichtsstunde in einem Übungssaal der Pariser Oper. In der Mitte leitet der reale Ballettmeister Jules Perrot die Klasse; die Mädchen ruhen, dehnen sich oder richten ihre Kleidung – ohne jede theatralische Pose.

Gibt es zwei Versionen des Bildes?

Ja. Die eine Fassung („The Dance Class“, 1874) hängt im Metropolitan Museum in New York, die eng verwandte Schwesterfassung („La Classe de danse“, 1873–1876) im Musée d’Orsay in Paris. Beide gelten als Degas‘ ehrgeizigste Ballettbilder.

Wer ist der Mann in der Bildmitte?

Der berühmte Ballettmeister Jules Perrot, eine reale Person und Legende des romantischen Balletts. Degas fügte sein Porträt erst bei der Überarbeitung ein und machte das Bild so zu einer Hommage an den damals bereits abgesetzten Meister.

Wo befindet sich Die Tanzstunde heute?

Die hier besprochene Fassung gehört zur Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York (Saal 815). Die Schwesterfassung hängt im Musée d’Orsay in Paris.

Gehört Degas wirklich zum Impressionismus?

Er stellte mit den Impressionisten aus, betonte aber seine Eigenständigkeit und nannte sich „Realist“. Er arbeitete meist im Atelier statt unter freiem Himmel und legte mehr Wert auf die Zeichnung als auf spontane Lichteffekte.

Hat Sie Die Tanzstunde fasziniert? Dann entdecken Sie auf unserer Seite weitere Meisterwerke des Impressionismus und tauchen Sie tiefer in die Welt von Edgar Degas ein.

Bild: Die Tanzstunde (The Dance Class) – Edgar Degas (1874), Metropolitan Museum of Art. Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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