Girl with a Pearl Earring by Johannes Vermeer, 1665

Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Das Blau im Kopftuch kommt aus Afghanistan, das Weiß der Perle aus einer Bleimine in Nordengland, das Rot aus Läusen, die auf Kakteen in Mexiko leben. Das ergab 2018 die bislang gründlichste Untersuchung dieses Bildes. Und sie fand noch etwas: Der schwarze Hintergrund, vor dem das Mädchen seit Generationen wie aus dem Nichts aufleuchtet, war nie schwarz. Vermeer malte einen grünen Vorhang mit Falten. Die Farbe hat sich in dreieinhalb Jahrhunderten zersetzt. Die berühmteste Leere der Kunstgeschichte ist ein Alterungsschaden.

Wichtige Fakten

Was macht dieses Werk unvergesslich?

Das Mädchen mit dem Perlenohrring ist kein Porträt. Es zeigt keine bestimmte Person mit Titel oder Rang. Wir begegnen einer Figur, die über die Schulter blickt – halb im Gehen, halb im Innehalten. Dieser flüchtige Moment erzeugt eine Spannung, die kein anderes Gemälde der Epoche so einfängt.

Vermeer arbeitete in einer Gattung namens Tronie: ein Charakterkopf, bei dem Ausdruck und Kostüm wichtiger sind als die Identität. Tronies wurden nicht bestellt, sondern für den freien Markt gemalt, oft mit exotischer Kleidung – daher der Turban. Man muss die Dargestellte nicht kennen, weil es nie darum ging, wer sie ist.

Ihr Blick wirkt einladend und zurückgezogen zugleich. Die leicht geöffneten Lippen lassen es aussehen, als würde sie gleich sprechen – oder als hätte man sie mitten im Satz unterbrochen. Es ist ein Augenblick, kein Bildnis.

Der Hintergrund ist nicht schwarz. Dort hing ein grüner Vorhang

Das ist der wichtigste Befund der letzten Jahre zu diesem Gemälde – und kaum jemand kennt ihn.

Im Februar und März 2018 untersuchte ein internationales Team unter Leitung der Mauritshuis-Restauratorin Abbie Vandivere das Bild zwei Wochen lang, unter dem Projekttitel The Girl in the Spotlight. Das Gemälde wurde aus dem Rahmen genommen und stand die ganze Zeit in einem gläsernen Labor mitten im Ausstellungssaal; die Besucher konnten zusehen. Die Ergebnisse erschienen 2020 in einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift Heritage Science.

Das zentrale Ergebnis: Im oberen rechten Bereich zeigen die Scans diagonale Linien und Farbabweichungen, die auf gefalteten Stoff hinweisen. Vermeer malte keine samtene Leere, sondern einen grünen Vorhang. Er ist durch physikalische und chemische Veränderungen der durchscheinenden grünen Farbe im Lauf der Jahrhunderte verschwunden.

Die weiteren Befunde:

  • Sie hat Wimpern. Mit bloßem Auge unsichtbar, aber Röntgenfluoreszenz-Scans und Mikroskop zeigen feine, mit brauner Farbe gemalte Härchen um beide Augen.
  • Der Ohrring hat keine Aufhängung. Er besteht aus wenigen durchscheinenden und deckenden Strichen Bleiweiß, mit nichts verbunden – weder mit dem Ohrläppchen noch mit einem Haken. Eine Illusion.
  • Vermeer korrigierte während der Arbeit. Die Lage des Ohrs, der obere Rand des Kopftuchs und die Linie des Nackens wurden verschoben.
  • Die weiche Kontur des Gesichts ist ein Trick. Vermeer ließ zwischen Hintergrund und Haut einen schmalen Spalt frei, statt die Flächen aneinanderstoßen zu lassen.
  • Auch andere Haare als die Wimpern fanden die Forscher in der Malschicht – aus dem Pinsel.

Die Direktorin des Mauritshuis, Martine Gosselink, stellte die Ergebnisse mit einem Satz vor: „Spoiler-Alarm: Nein, wer diese junge Frau war, haben wir leider nicht herausgefunden.“

Es ist einer von mehreren Fällen der letzten beiden Jahrzehnte, in denen sich das, was als bewusste künstlerische Entscheidung galt, als Folge der Alterung herausstellte. Hier sind die übrigen.

Farben aus drei Kontinenten

Der zweite große Befund von 2018 betrifft die Herkunft der Pigmente, und er erzählt mehr über das Delft des 17. Jahrhunderts als jede Geschichtsstunde.

Das Bleiweiß – für die Perle, das Gesicht, den Kragen – stammt aus dem Peak District in Nordengland. Das ließ sich an der Isotopenzusammensetzung des Bleis ablesen.

Das Blau im Kopftuch und in der Jacke ist natürliches Ultramarin, gewonnen aus Lapislazuli aus dem heutigen Afghanistan. Im 17. Jahrhundert war es kostbarer als Gold. Überraschend ist, wie großzügig Vermeer es verwendete. Eine neue Erkenntnis: Der Stein wurde möglicherweise vor dem Mahlen stark erhitzt, was ihn leichter zu verarbeiten machte und ein intensiveres Blau ergab.

Das Rot ist Karmin aus Cochenilleläusen, die auf Kakteen in Mexiko und Mittelamerika leben.

Vermeer konnte all das vermutlich in Delft kaufen. Dieses kleine Bild ist ein Beleg für ein Welthandelsnetz, das die Niederlande im 17. Jahrhundert beherrschten.

Historischer Kontext

Um 1665 erlebten die Niederlande eine beispiellose Blüte. Die Ostindien-Kompanie beherrschte den Asienhandel, und mit dem Wohlstand wuchs die Nachfrage nach Kunst. Bürgerliche Sammler – nicht Könige oder Kardinäle – wurden zu den wichtigsten Käufern. Es gab einen offenen Kunstmarkt, und Maler produzierten auf Vorrat.

Rembrandt, dessen Nachtwache zwanzig Jahre zuvor in Amsterdam entstanden war, Frans Hals in Haarlem und Vermeer in Delft prägten eine Bildsprache, die das Alltägliche feierte. Licht, Interieur und das stille Leben waren die großen Themen.

Vermeer schuf ein sehr kleines Gesamtwerk: Rund 35 Gemälde werden ihm heute zugeschrieben. Dass ausgerechnet ein Tronie ohne Namen und ohne Auftraggeber zum bekanntesten davon wurde, ist eine Ironie der Rezeption.

Wie das Bild ins Mauritshuis kam

Die Geschichte ist so unwahrscheinlich, dass sie erzählt werden muss.

1881 wurde das Gemälde in Den Haag versteigert, in schlechtem Zustand und ohne großes Aufsehen. Der Sammler Arnoldus Andries des Tombe ersteigerte es für zwei Gulden und dreißig Cent Aufgeld – den Preis eines einfachen Essens.

Des Tombe starb 1902 und vermachte seine Sammlung dem Mauritshuis. Seitdem hängt das Bild dort.

Wie es in diesen Zustand und auf diese Auktion kam, lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren. Sicher ist: Vermeer war nach seinem Tod fast zwei Jahrhunderte lang vergessen, und niemand hielt einen namenlosen Mädchenkopf für ein Meisterwerk.

Symbolik und worauf man achten sollte

Der Hintergrund. Er wirkt heute völlig leer und lässt die Figur wie einen Gedanken aus dem Dunkel treten. Bedenken Sie: Dieser Effekt war nicht Vermeers Absicht. Ursprünglich hing dort ein grüner Vorhang, und der Kontrast war erheblich sanfter. Suchen Sie oben rechts nach schwachen diagonalen Spuren.

Das Licht. Es fällt von links oben auf das Gesicht und erzeugt weiche Übergänge. Diese Modellierung gibt der Haut eine fast greifbare Wärme.

Das Kopftuch. Ultramarin, kostbarer als Gold, großzügig aufgetragen. Zusammen mit dem ockergelben Gewand bildet es einen kühnen Farbkontrast. Das herabfallende gelbe Tuchende ist fast abstrakt gemalt.

Der Ohrring. Groß, tropfenförmig, leuchtend. Er besteht aus einem Glanzlicht oben links und einer Spiegelung des weißen Kragens unten. Dazwischen ist fast nichts. Ob er eine echte Perle darstellt oder Glas oder Zinn, wird diskutiert: Perlen dieser Größe waren extrem selten. Die Untersuchung von 2018 liefert ein weiteres Argument für die Illusion – es gibt keine Aufhängung.

Die Lippen. Leicht geöffnet, mit einem kleinen Glanzlicht im Mundwinkel. Sie geben dem Bild seine Dynamik.

Die Augen. Mit einem Glanzpunkt in jedem. Und – jetzt wissen wir es – mit Wimpern.

Über Johannes Vermeer

Johannes Vermeer wurde 1632 in Delft geboren und starb dort im Dezember 1675, nur 43 Jahre alt, hoch verschuldet. Er hinterließ elf Kinder. Seine Witwe musste Bilder als Sicherheit für Schulden abgeben.

Zu Lebzeiten war er vor allem in Delft bekannt, Mitglied und zeitweise Vorsteher der Lukasgilde, und arbeitete nebenbei als Kunsthändler. Er malte langsam, vielleicht zwei oder drei Bilder im Jahr.

Ob er eine Camera obscura als Hilfsmittel nutzte, ist bis heute Gegenstand von Debatten. Bewiesen ist es nicht, doch manche optischen Effekte in seinen Bildern – unscharfe Lichtpunkte, verzerrte Vordergründe – sprechen dafür.

Nach seinem Tod geriet sein Werk fast zwei Jahrhunderte lang in Vergessenheit. Erst der französische Kritiker Théophile Thoré-Bürger machte ihn in den 1860er Jahren wieder bekannt und nannte ihn die „Sphinx von Delft“.

Vermächtnis und Einfluss

1999 inspirierte das Bild Tracy Chevalier zu ihrem gleichnamigen Roman, der 2003 mit Scarlett Johansson und Colin Firth verfilmt wurde. Beide machten Vermeer einem weltweiten Publikum bekannt, das vorher nie von ihm gehört hatte. Der Roman ist erfunden – die Magd Griet hat es nie gegeben.

Wegen seines rätselhaften Ausdrucks heißt das Bild oft die „Mona Lisa des Nordens“. Der Vergleich mit Leonardos Mona Lisa hat einen Haken: Deren Modell ist seit 2005 durch ein Dokument aus Heidelberg identifiziert. Dieses nie.

Das Bild verlässt das Mauritshuis nicht mehr. Während der Renovierung des Museums ging es 2012 bis 2014 auf Welttournee durch Japan, die USA und Italien. Danach beschloss das Museum, es nicht mehr auszuleihen. Die einzige Ausnahme war 2023 die bislang größte Vermeer-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum – und auch dort nur für die ersten Wochen, bis Ende März.

Während seiner Abwesenheit hängte das Mauritshuis von Besuchern eingereichte Nachschöpfungen an seinen Platz. Darunter war ein mit KI erzeugtes Bild, das eine heftige Debatte darüber auslöste, ob ein Museum so etwas zeigen sollte.

Und in Deutschland?

In Deutschland hängen mehr Vermeers als in fast jedem anderen Land – sechs von rund 35, etwa ein Sechstel seines gesamten Werks.

  • Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister: Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster (um 1657–1659) und Bei der Kupplerin (1656), Vermeers erstes Genrebild, mit 143 × 130 cm eines seiner größten.
  • Berlin, Gemäldegalerie: Das Glas Wein und die Junge Dame mit Perlenhalsband (um 1662–1665) – dieselben Perlen, dieselbe Zeit.
  • Frankfurt, Städel: Der Geograph (1669).
  • Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum: Das Mädchen mit dem Weinglas (um 1658).

Und Dresden hat die Geschichte, die das Mädchen spiegelt. Das Brieflesende Mädchen hing seit 1742 in Dresden, gekauft in Paris für den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. – eine junge Frau im Profil vor einer hellen, leeren Wand. Zwischen 2017 und 2021 wurde das Bild restauriert. Unter der leeren Wand kam ein großes Bild im Bild zum Vorschein: ein Amor, der den Betrachter direkt ansieht.

Übermalt hatte ihn nicht Vermeer, sondern jemand anderes, Jahrzehnte nach seinem Tod. Seit September 2021 ist das Bild zum ersten Mal seit über zweihundertfünfzig Jahren so zu sehen, wie es Vermeers Atelier verließ.

Zweimal hielt man bei Vermeer eine leere Fläche für eine künstlerische Entscheidung. In Den Haag war es verblasste Farbe, in Dresden eine fremde Hand.

Wer alle sechs sehen will, braucht drei Tage und vier Städte. Einfacher: die Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum, wo zwei nebeneinander hängen, oder Dresden mit dem wiederhergestellten Amor.

Wo ist das Werk heute zu sehen?

Das Mädchen mit dem Perlenohrring hängt dauerhaft im Mauritshuis, Plein 29, Den Haag, einem Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert direkt neben dem Parlament. Der Bahnhof Den Haag Centraal liegt zehn Gehminuten entfernt.

  • Das Bild wird nicht mehr ausgeliehen. Wer es sehen will, muss nach Den Haag.
  • Kaufen Sie Tickets online mit Zeitfenster, besonders von April bis Oktober und an Wochenenden.
  • Kommen Sie zur Öffnung oder am späten Nachmittag. Vor dem Bild bildet sich tagsüber eine Traube.
  • Es ist klein – 44,5 × 39 Zentimeter. Gehen Sie nah heran und suchen Sie die diagonalen Spuren des Vorhangs oben rechts.
  • Das Museum ist kompakt und außergewöhnlich: Vermeers Ansicht von Delft, Rembrandts Anatomie des Dr. Tulp und Der Distelfink von Carel Fabritius, Rembrandts Schüler, der 1654 bei der Pulverexplosion von Delft ums Leben kam. Planen Sie zwei bis drei Stunden ein.

Und Delft ist eine Viertelstunde mit der Straßenbahn entfernt. Das Vermeer Centrum dort hat keine Originale, aber die Stadt ist die, die er malte.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist das Mädchen?

Das ist unbekannt. Vermutungen reichen von Vermeers ältester Tochter Maria bis zu einer Angehörigen seines Gönners Pieter van Ruijven, keine ist belegt. Da es sich um ein Tronie handelt – einen Charakterkopf für den freien Markt –, war die Identität wahrscheinlich nie wichtig.

Ist der Hintergrund wirklich schwarz?

Nein. Die Untersuchung von 2018 zeigte, dass Vermeer einen grünen Vorhang mit Falten malte. Die durchscheinende grüne Farbe hat sich im Lauf der Jahrhunderte zersetzt und die Fläche fast schwarz werden lassen.

Woher stammen die Farben?

Das Bleiweiß aus dem Peak District in England, das Ultramarin aus Lapislazuli aus dem heutigen Afghanistan – damals kostbarer als Gold –, das Rot aus Cochenilleläusen aus Mexiko und Mittelamerika.

Ist der Ohrring eine echte Perle?

Das ist umstritten; Perlen dieser Größe waren extrem selten, möglicherweise ist Glas oder poliertes Zinn gemeint. Gemalt ist er aus wenigen Strichen Bleiweiß ohne jede Aufhängung – eine reine Illusion.

Warum heißt das Bild „Mona Lisa des Nordens“?

Wegen des rätselhaften Ausdrucks und der Mehrdeutigkeit des Blicks. Mit einem Unterschied: Die Identität der Mona Lisa ist seit 2005 geklärt, die dieses Mädchens nicht.

Wann bekam das Bild seinen heutigen Namen?

Lange hieß es Mädchen mit Turban oder schlicht Mädchenkopf. Der heutige Titel setzte sich erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch, endgültig mit Roman und Film.

Wie viel wurde für das Bild bezahlt?

1881 ersteigerte es der Sammler Arnoldus des Tombe in Den Haag für zwei Gulden und dreißig Cent. Er vermachte es 1902 dem Mauritshuis.

Wird es ausgeliehen?

Nein. Seit der Welttournee von 2012 bis 2014 verlässt es das Museum nicht mehr. Die einzige Ausnahme waren einige Wochen der großen Vermeer-Ausstellung in Amsterdam 2023.

Gibt es Vermeer in Deutschland?

Ja, sechs Gemälde: zwei in Dresden, zwei in Berlin, eines im Frankfurter Städel und eines in Braunschweig. Das ist etwa ein Sechstel seines bekannten Werks.

Wie groß ist das Gemälde?

44,5 × 39 Zentimeter. Erstaunlich klein.

Hat Sie das Mädchen mit dem Perlenohrring fasziniert? Dann entdecken Sie Das Milchmädchen desselben Künstlers – das andere Vermeer-Bild, das jeder kennt, und das einzige, in dem jemand arbeitet – oder Rembrandts Nachtwache, gemalt zwanzig Jahre früher im selben Land und das genaue Gegenteil: Lärm, Bewegung, achtzehn zahlende Männer.

Bild: Mädchen mit dem Perlenohrring – Johannes Vermeer (um 1665), Mauritshuis, Den Haag, MH670. Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.

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