Der Schrei
Ein einziger Blick genügt, und man vergisst ihn nie mehr: Der Schrei – auf Norwegisch Skrik – wurde 1893 von Edvard Munch geschaffen. Am Himmel, links oben, verläuft eine kaum sichtbare Bleistiftzeile: Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein. Jahrzehntelang galt sie als Vandalismus. 2021 stellte sich heraus, dass Munch sie selbst geschrieben hat.
Wichtige Fakten
- Künstler: Edvard Munch
- Jahr: 1893
- Technik: Öl, Tempera und Pastell auf Karton
- Maße: 91 × 73,5 cm
- Stilrichtung: Expressionismus
- Aktueller Standort: Nationalmuseum, Oslo
Was macht dieses Werk unvergesslich?
Der Schrei ist kein gewöhnliches Gemälde – es ist ein emotionaler Aufschrei, der direkt ins Unterbewusstsein trifft. Was Munch hier schuf, ist keine Darstellung eines äußeren Ereignisses, sondern ein innerer Zustand: pures, körperliches Entsetzen, festgehalten in Farbe und Form.
Das Besondere liegt in der universellen Sprache des Werkes. Ob man aus Oslo, Tokio oder São Paulo kommt – die verzerrte Gestalt, der weit aufgerissene Mund, der stumme Schrei sprechen jeden Menschen an. Daher wurde das Bild zum Sinnbild für existenzielle Angst schlechthin. Es überschreitet Kulturgrenzen mühelos.
Außerdem war Der Schrei seiner Zeit weit voraus. Munch malte keine Realität, sondern ein Gefühl. Diese Idee war 1893 revolutionär und ebnete den Weg für eine ganz neue Art des Sehens und Schaffens.
Historischer Kontext
Das späte 19. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs. Industrialisierung, rasantes Stadtwachstum und neue wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa durch Darwin und Freud – erschütterten das Selbstverständnis des Menschen. Viele Künstler suchten nach neuen Ausdrucksmitteln, um diese Verunsicherung zu verarbeiten.
Munch hielt sich in diesen Jahren abwechselnd in Berlin, Paris und Norwegen auf. Er war tief beeinflusst vom Symbolismus, wandte sich aber zunehmend von dessen dekorativer Oberfläche ab. Stattdessen interessierte ihn das Seelenleben – Schmerz, Eifersucht, Tod, Angst. Diese Themen durchziehen sein gesamtes Werk.
Der Schrei entstand außerdem kurz vor dem Durchbruch des Expressionismus als eigenständige Bewegung. Munchs Werk wirkte dabei wie ein Katalysator: Es zeigte, dass Kunst nicht abbilden, sondern fühlen lassen muss. Gruppen wie die Brücke und der Blaue Reiter griffen diese Idee wenig später begeistert auf.
Munch selbst notierte in seinem Tagebuch, wie er bei einem Spaziergang mit Freunden plötzlich ein unendliches Geschrei durch die Natur zu hören glaubte. Dieses Erlebnis – nicht eine fremde Szene, sondern sein eigener innerer Aufruhr – wurde zur Grundlage des Bildes.
Die Inschrift am Himmel – von Munchs eigener Hand
Links oben, quer über einen der roten Streifen, verläuft eine mit Bleistift geschriebene Zeile. Auf Norwegisch steht dort: Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein.
Den größten Teil des 20. Jahrhunderts galt sie als Akt des Vandalismus – man vermutete, ein empörter Besucher habe sie irgendwann nach der ersten Ausstellung hinzugefügt. Das Museum behandelte die Zeile als Beschädigung.
2021 veröffentlichte die Kuratorin Mai Britt Guleng die Ergebnisse einer Infrarotanalyse, die die Schrift in voller Deutlichkeit sichtbar machte. Sie verglich die Buchstabenformen mit Munchs Briefen und Tagebüchern.
Es ist seine Handschrift. Das Museum datiert die Zeile auf 1895 – kurz nachdem der Medizinstudent Johan Scharffenberg bei einem Diskussionsabend öffentlich behauptet hatte, Munchs Bilder bewiesen seine Unzurechnungsfähigkeit.
Der Maler nahm den Vorwurf und schrieb ihn auf sein eigenes Bild. Keine der anderen Fassungen trägt diese Zeile.
Es ist einer von mehreren Fällen der letzten beiden Jahrzehnte, in denen wissenschaftliche Befunde umgestoßen haben, was Kataloge jahrzehntelang behaupteten. Hier sind die übrigen.
Symbolik und worauf man achten sollte
Stellen Sie sich vor, Sie stehen direkt vor dem Werk. Zuerst fällt der Himmel auf: glutrote und orangefarbene Streifen, die sich wie Flammen über den Horizont wälzen. Dieser Himmel ist nicht schön – er ist bedrohlich, fast apokalyptisch.
Woher diese Farben stammen, ist bis heute umstritten. Der Astronom Donald Olson schlug 2003 vor, Munch habe die ungewöhnlichen Dämmerungen nach dem Ausbruch des Krakatau 1883 erinnert. Andere Forscher verweisen auf Perlmutterwolken, ein seltenes Phänomen in nordischen Breiten, das dem gemalten Himmel verblüffend ähnelt. Und eine dritte Position hält die Suche nach einer wörtlichen Quelle für verfehlt – Munch war ein expressiver Maler ohne jede Verpflichtung, Gesehenes wiederzugeben.
Dann lenkt sich der Blick auf die zentrale Figur. Sie ist kaum noch menschlich – skelettartig, mit weit geöffnetem Mund und hohlen Augen. Die Hände pressen sich gegen die Ohren. Sie schreit nicht selbst – sie hört einen Schrei, den die übrige Szene nicht wahrnimmt. Munchs eigene Aufzeichnung bestätigt das: Er beschreibt, wie ein Schrei durch die Natur ging, nicht wie er einen ausstieß. Der Titel meint das Geräusch, nicht die Figur.
Im Hintergrund gehen zwei dunkle Gestalten ruhig über die Brücke. Sie wirken gleichgültig, fast gespenstisch normal. Dieser Kontrast verstärkt die Isolation der Hauptfigur enorm.
Achten Sie auch auf die Linienführung: Alle Kurven im Bild – Himmel, Wasser, Landschaft – fließen dynamisch ineinander und erzeugen ein Gefühl von Schwindel und Auflösung. Es gibt kaum eine ruhige Horizontale. Das Geländer der Brücke bildet die einzige gerade Linie im ganzen Bild.
Über Edvard Munch
Edvard Munch wurde 1863 in Løten, Norwegen, geboren und wuchs in einer von Krankheit und Verlust geprägten Familie auf. Seine Mutter starb an Tuberkulose, als er fünf Jahre alt war; seine Schwester Sophie erlag derselben Krankheit, als er vierzehn war. Diese frühen Erfahrungen mit dem Tod hinterließen tiefe Spuren in seiner Kunst.
Munch studierte in Christiania (dem heutigen Oslo) und reiste später nach Paris und Berlin, wo er entscheidende künstlerische Impulse aufnahm. Seine Berliner Ausstellung von 1892 wurde nach nur einer Woche geschlossen – ein Skandal, der seinen Ruf in Deutschland erst begründete.
Trotz oder gerade wegen seiner persönlichen Krisen – er kämpfte zeitlebens mit Depressionen und Alkoholproblemen – schuf er ein ungeheuer vielschichtiges Werk. Dazu gehören Madonna, Das kranke Kind und der gesamte Lebensfries-Zyklus.
Munch starb 1944 in Ekely bei Oslo und hinterließ seinen gesamten Nachlass der Stadt.
Vermächtnis und Einfluss
Der Schrei hat die Kunstgeschichte nachhaltig verändert. Er bewies, dass ein Bild eine emotionale Wahrheit transportieren kann, die stärker wirkt als jede realistische Darstellung. Generationen von Expressionisten, von Ernst Ludwig Kirchner bis Egon Schiele, standen in seiner Schuld.
In der Popkultur ist das Werk allgegenwärtig: Andy Warhol vervielfältigte es in leuchtenden Siebdruckfarben, die Horrormaske in Scream (1996) wurde direkt von Munchs Figur inspiriert. Das Bild erscheint auf Tassen, T-Shirts, Emojis – und bleibt dabei trotzdem ein ernstes Kunstwerk.
Die Pastellfassung von 1895, die einzige in Privatbesitz, wurde 2012 bei Sotheby’s für rund 119,9 Millionen US-Dollar versteigert – damals ein Weltrekord für ein Kunstwerk bei einer Auktion.
Wo ist das Werk heute zu sehen?
Die gemalte Hauptfassung von 1893 befindet sich im Nationalmuseum Oslo (Nasjonalmuseet), das 2022 in einem Neubau am Aker Brygge eröffnet wurde. Das Museum liegt zentral und ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Praktische Tipps für den Besuch: Kaufen Sie Tickets vorab online, besonders in der Hauptsaison von Juni bis August. Aktuelle Eintrittspreise und Öffnungszeiten finden Sie auf der Website des Museums. Planen Sie mindestens drei Stunden ein – das Haus beherbergt außerdem bedeutende Werke von Johan Christian Dahl und Harriet Backer.
Wer tiefer in Munchs Welt eintauchen möchte, sollte anschließend das Munch-Museum (MUNCH) im Stadtteil Bjørvika besuchen. Dort befinden sich weitere Fassungen des Schreis sowie Tausende weiterer Werke aus seinem Nachlass. Ein Hinweis: Keines der beiden Museen besitzt alle vier Fassungen, und Arbeiten auf Papier werden nur zeitweise gezeigt.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Versionen von Der Schrei gibt es?
Munch schuf vier Fassungen des Motivs: zwei Gemälde (1893 und 1910), ein Pastell (1893) und eine Lithografie (1895). Die bekannteste Fassung von 1893 hängt im Nationalmuseum Oslo. Nur sie trägt die Bleistiftinschrift.
Wer hat die Inschrift auf dem Gemälde geschrieben?
Munch selbst. Die Zeile „Kann nur von einem Verrückten gemalt worden sein“ galt jahrzehntelang als Vandalismus, doch eine 2021 vom Nationalmuseum veröffentlichte Infrarotanalyse ordnete die Handschrift eindeutig Munchs Briefen und Tagebüchern zu. Das Museum datiert sie auf 1895 – kurz nachdem ein Medizinstudent seine Zurechnungsfähigkeit öffentlich in Frage gestellt hatte.
Was bedeutet Der Schrei inhaltlich?
Das Werk zeigt keinen Schrei einer bestimmten Person, sondern das Erleben eines universellen Angstzustands. Munch beschrieb in seinem Tagebuch, wie er das unendliche Geschrei der Natur spürte – Der Schrei ist also ein Ausdruck innerer Erschütterung, nicht äußerer Gewalt.
Schreit die Figur auf dem Bild?
Fast sicher nicht. Die Hände liegen auf den Ohren, nicht um den Mund, und Munchs eigene Schilderung spricht davon, einen Schrei gehört zu haben. Der Titel bezieht sich auf das Geräusch, nicht auf die Figur.
Wurde Der Schrei wirklich gestohlen?
Ja, zweimal. 1994 wurde die Fassung aus der damaligen Nationalgalerie in Oslo entwendet und nach drei Monaten wiedergefunden. 2004 raubten Bewaffnete eine andere Fassung aus dem Munch-Museum; sie tauchte 2006 mit Schäden wieder auf.
Ist Der Schrei ein expressionistisches Werk?
Ja, Der Schrei gilt als eines der frühesten und einflussreichsten Werke des Expressionismus. Obwohl der Begriff damals noch nicht gebräuchlich war, verkörpert das Gemälde alle Merkmale dieser Stilrichtung: subjektive Verzerrung, intensive Farben und den Ausdruck innerer Empfindungen.
Hat Sie Der Schrei so fasziniert wie uns? Dann entdecken Sie weitere ikonische Meisterwerke – etwa Van Goghs Sternennacht oder Klimts Kuss.
Bild: Der Schrei – Edvard Munch (1893). Lizenz: Public Domain. Quelle: Wikimedia Commons.
